Friedliche Revolution?

Wenn ich in Thüringen mit „Deckname Antenne“ unterwegs bin, habe ich immer Respekt und Bammel. Respekt, weil vor mir viele Menschen sitzen, die im Herbst 1989 den Mut hatten, sich öffentlich gegen das DDR- Regime zu stellen. Und Bammel, dass ich als Journalist aus dem ehemaligen Westen den richtigen Ton treffe.

Nach über einem halben Dutzend Lesungen stelle ich erleichtert fest: Mit meiner Zeitreise in die deutsch-deutsche Vergangenheit erreiche ich auch die Menschen in Meiningen, Suhl oder Eisfeld. Ich treffe offensichtlich den richtigen Ton, meine „Westsicht“ vor und nach dem Mauerfall interessiert die Gäste. Wenn ich davon erzähle, wie meine Mutter das weihnachtliche DDR- Paket mit Zahnpasta, Seife, Kaffee und Nylonstrümpfen zu unseren Freunden in die Lausitz wegschickte, nicken sie. Auch viele der Menschen, die da jetzt vor mir sitzen, haben ein solches Paket bekommen. Auch viele von ihnen hatten Westbesuch. Mit Meldekarte, anmelden bei der örtlichen Volkspolizei und Überwachung durch den zuständigen ABV (Abschnittsbevollmächtigen) in ihrer Straße. Sie sind amüsiert wie naiv ich war von einer Stasibeobachtung zunächst nichts geahnt zu haben. Ich war eben in einer anderen Gesellschaft aufgewachsen, konnte frei reisen, meine Meinung offen sagen und schreiben.

Und manchmal werde ich auch korrigiert
Der Museumschef in Eisfeld macht mir klar, dass er das Wort „Wende“ nicht benutzt. Wende sei ein Begriff, der nach der Ablösung von Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker durch seinen kurzzeitigen Nachfolger Egon Krenz geprägt worden war. Der wollte eine andere, erneuerte DDR und keine Wiedervereingiung. Der Eisfelder Zuhörer benutzt das Wort „Friedliche Revolution“. Da hörte ich aber dann von einem Bürgerrechtler in Meiningen, friedlich sei diese Revolution erst nach den ersten Massenprotesten Anfang Oktober 1989 in Leipzig geworden. Vorher hatte die Staatsmacht noch bei ersten Protesten die Menschen auf der Straße zusammengeknüppelt, verhaftet. Ich nehme solche Korrekturen dankbar an und verändere dann auch meine Vorträge. So haben diese sich weiterentwickelt seit dem Beginn meiner Lesereise im September 2022. Und ich bin dankbar für alle Rückmeldungen auf dieser auch für mich so besonderen Tour.