
Immer wieder werde ich nach meinen Lesungen gefragt: „Wie lange wollen Sie das eigentlich noch machen?“ Oder: „Ist irgendwann nicht alles erzählt?“
Ich verstehe diese Frage. Und doch glaube ich, dass sie den Kern des Projekts verfehlt.
Denn „Deckname Antenne“ war für mich nie nur ein Buch über die DDR. Nie nur die Geschichte eines BR-Reporters, der an der innerdeutschen Grenze unterwegs war und später in den Stasi-Akten unter dem Decknamen „Antenne“ wieder auftauchte.
Natürlich gehören diese Erlebnisse dazu. Sie sind der Anfang. Aber sie sind nicht das Ziel.
Mit jeder Lesung wird mir deutlicher, dass es eigentlich um etwas anderes geht.
Es geht um die Frage, was Freiheit wert ist.
Es geht darum, wie selbstverständlich wir Demokratie oft nehmen, obwohl sie alles andere als selbstverständlich ist.
Es geht um die Verantwortung des Journalismus – gerade in einer Zeit, in der Misstrauen wächst, Fakten angezweifelt werden und einfache Antworten oft lauter sind als die Wahrheit.
Und es geht um die Begegnungen.
Nach inzwischen 163 Lesungen und vor rund 12.000 Menschen – darunter etwa 8.000 Schülerinnen und Schüler – habe ich gelernt: Die bewegendsten Momente finden oft nicht während meines Vortrags statt. Sie entstehen danach.
Wenn Jugendliche fragen: „Wie hätten wir damals gehandelt?“
Wenn ältere Besucher erzählen, warum sie jahrzehntelang über ihre eigene Geschichte geschwiegen haben.
Wenn Menschen aus Ost und West miteinander ins Gespräch kommen und plötzlich merken, dass sie einander viel besser verstehen, als sie gedacht haben.
Dann wird aus Erinnerung etwas Lebendiges.
Ich wünsche mir deshalb, dass „Deckname Antenne“ niemals zu einem nostalgischen Rückblick wird. Erinnerung darf kein Ort sein, an dem man stehen bleibt. Sie muss ein Ort sein, von dem aus man weitergeht.
Vielleicht verändert sich deshalb auch meine Rolle.
Am Anfang war ich Zeitzeuge.
Heute bin ich immer häufiger Zuhörer.
Ich erzähle nicht nur von früher. Ich höre zu, welche Fragen junge Menschen heute bewegen. Welche Sorgen sie haben. Welche Hoffnungen sie mitbringen. Und ich merke, wie sehr beide Generationen voneinander lernen können.
Genau darin sehe ich die Zukunft dieses Projekts.
Es soll eine Brücke bleiben.
Zwischen Ost und West.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Zwischen den Generationen.
Zwischen Journalismus und Gesellschaft.
Zwischen Erinnerung und Verantwortung.
Denn Geschichte ist niemals abgeschlossen. Sie wirkt in unsere Gegenwart hinein. Wer verstehen will, warum Freiheit geschützt werden muss, warum Demokratie Streit aushält und warum unabhängiger Journalismus unverzichtbar ist, muss manchmal zurückschauen – nicht aus Sehnsucht nach gestern, sondern aus Verantwortung für morgen.
Ich bin inzwischen im Ruhestand. Viele hätten erwartet, dass damit ein Kapitel endet.
Für mich hat damals ein neues begonnen.
Ich habe erlebt, dass Erinnerungen Menschen verbinden können. Dass ein persönliches Schicksal andere dazu ermutigt, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Und dass gerade junge Menschen offen sind für Gespräche über Freiheit, Verantwortung und Menschlichkeit sind – wenn man ihnen auf Augenhöhe begegnet.
Deshalb glaube ich, dass „Deckname Antenne“ sich weiterentwickeln muss.
Vielleicht wird aus der Lesereise eines Tages eine noch größere Plattform für den Dialog. Ein Ort, an dem Zeitzeugen, Journalistinnen und Journalisten, Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie alle, die unsere Demokratie mitgestalten wollen, miteinander ins Gespräch kommen.
Dann geht es nicht mehr nur um die Mauer.
Nicht mehr nur um die Stasi.
Nicht mehr nur um meine Geschichte.
Dann geht es um unsere gemeinsame Zukunft.
Und vielleicht wird genau das einmal der eigentliche Sinn von „Deckname Antenne“ sein:
Nicht die Vergangenheit festzuhalten. Sondern sie weiterzugeben – damit Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit auch morgen eine Zukunft haben.
Wie könnte sich „Deckname Antenne“ weiterentwickeln?

Vom Erinnerungsprojekt zur Demokratie-Initiative. Jede Lesung schlägt die Brücke von gestern zu den Fragen von heute.
Mehr Schulen, mehr junge Menschen. Dialog statt Vortrag – politische Bildung auf Augenhöhe.
Ein digitales Erinnerungsarchiv. Geschichten, Interviews und Zeitzeugenberichte für kommende Generationen.Podcast und Videoreihe. Gespräche mit Zeitzeugen, Journalistinnen und Journalisten sowie jungen Menschen über Freiheit und Verantwortung.
Wanderausstellung. Mit Originaldokumenten, Stasi-Akten, Fotos, Filmen und persönlichen Erinnerungsstücken.
Ein Netzwerk von Zeitzeugen. Gemeinsam erzählen, bevor diese Stimmen verstummen.
Mein größter Wunsch ist, dass „Deckname Antenne“ eines Tages nicht mehr mit meinem Namen allein verbunden wird,
sondern mit einer Idee:
Erinnerung ist kein Blick zurück. Erinnerung ist Verantwortung für die Zukunft.
