
Wenn ich in diesen Tagen auf vier Jahre „Deckname Antenne“ zurückblicke, dann denke ich natürlich zuerst an diese unglaubliche Lesereise. An inzwischen 163 Veranstaltungen, an mehr als 12.000 Menschen, die gekommen sind, und ganz besonders an die rund 8.000 jungen Menschen, denen ich in Schulen meine Geschichte erzählen durfte. Aus einer Buchvorstellung ist ein Erinnerungsprojekt geworden, das mich bis heute durch Bayern, Thüringen und weit darüber hinaus führt.
Aber bei all den Lesungen, Begegnungen und Gesprächen darf eines nicht untergehen: „Deckname Antenne“ ist auch als Buch eine irkliche Erfolgsgeschichte geworden. Und da danke ich natürlich sehr dem Echter Verlag.
Fünf Auflagen sind inzwischen erschienen. Die sechste Auflage ist in Vorbereitung. Wenn mir das jemand vor vier Jahren vorausgesagt hätte, hätte ich es wohl kaum geglaubt. Ich wusste damals nicht, ob meine persönlichen Erinnerungen überhaupt auf ein größeres Interesse stoßen würden. Würde man eine Geschichte lesen wollen, die von meiner Arbeit als junger BR-Reporter an der innerdeutschen Grenze erzählt? Von Begegnungen mit Menschen in der DDR? Von Überwachung und Staatssicherheit? Von meiner rund 400 Seiten umfassenden Stasi-Akte unter dem „Decknamen Antenne“? Von den aufregenden Wochen und Monaten der Friedlichen Revolution und schließlich vom Fall der Mauer?
Heute kenne ich die Antwort.
Ja, die Menschen wollen diese Geschichten hören und lesen. Vielleicht gerade deshalb, weil es nicht nur die große Geschichte aus Geschichtsbüchern ist. Es sind persönliche Erlebnisse. Menschen, Begegnungen, Ängste, Hoffnungen, manchmal auch kuriose Situationen. Geschichte, die plötzlich ganz nah kommt.
Und deshalb möchte ich zum Vierjährigen einmal ganz bewusst Danke sagen.
Mein großer Dank gilt dem Echter Verlag in Würzburg und den Menschen dort, die von Anfang an Vertrauen in dieses Projekt hatten und es bis heute haben.
Dabei denke ich an erster Stelle an Thomas Häußner, den damaligen Geschäftsführer des Verlages, der so plötzlich und viel zu früh verstorben ist. Er war es, der mich überhaupt auf diesen Weg gebracht hat. Er lud mich ein, „meine Lebensgeschichte“ aufzuschreiben.
Ich weiß noch, dass dieser Gedanke für mich zunächst ziemlich groß klang. Meine Lebensgeschichte? War das wirklich ein Buch? Waren meine Erlebnisse interessant genug für andere Menschen? Ich war schließlich über Jahrzehnte Journalist gewesen und gewohnt, über andere zu berichten. Plötzlich sollte ich selbst im Mittelpunkt stehen, sollte zurückschauen, Erinnerungen sortieren, alte Unterlagen hervorholen und mich noch einmal sehr intensiv mit meiner eigenen Vergangenheit beschäftigen.
Thomas Häußner hat offenbar etwas gesehen, was ich damals selbst noch gar nicht richtig gesehen habe. Er hat mich ermutigt, es zu versuchen.
Und dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Aus dieser Einladung entstand schließlich „Deckname Antenne – Als Journalist im Visier der Stasi“. Aus Erinnerungen wurden Kapitel. Aus alten Dokumenten wurden wieder lebendige Geschichten. Aus meiner Stasi-Akte kamen Vorgänge ans Licht, von denen ich jahrzehntelang nichts gewusst hatte. Und während des Schreibens wurde mir immer klarer: Dieses Buch erzählt nicht nur meine Geschichte. Es erzählt auch ein Stück deutsch-deutscher Geschichte aus einer sehr persönlichen Perspektive.
Nach dem viel zu frühen Tod von Thomas Häußner hat Markus Reder als sein Nachfolger die Zusammenarbeit ebenso vertrauensvoll fortgesetzt. Auch dafür bin ich sehr dankbar. Ein Buch endet ja nicht mit dem Tag, an dem es gedruckt wird. Gerade bei „Deckname Antenne“ begann da eigentlich erst etwas Neues. Die Nachfrage wuchs, neue Auflagen wurden notwendig, die Lesereise wurde immer größer, Schulen kamen hinzu, neue Ideen entstanden.

Und heute setzt der jetzige Geschäftsführer Georg Frericks diesen gemeinsamen Weg fort. Auch ihm gilt mein herzlicher Dank für das Vertrauen, die Offenheit und die Bereitschaft, „Deckname Antenne“ weiterzuentwickeln.
Denn nun steht tatsächlich die sechste Auflage bevor. Das ist für mich alles andere als selbstverständlich.
Ein Buch über DDR-Grenze, Stasi und deutsche Teilung hätte nach seinem Erscheinen 2022 auch irgendwann einfach im Bücherregal verschwinden können. Stattdessen geschieht genau das Gegenteil. Vier Jahre später wird es immer noch gelesen. Es wird verschenkt. Es wird weiterempfohlen. Menschen bringen es zu meinen Lesungen mit. Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich damit. Lehrerinnen und Lehrer laden mich ein. Nach Veranstaltungen kommen Menschen zu mir und erzählen ihre eigenen Geschichten. Manche haben Tränen in den Augen. Andere sagen: „Davon habe ich nichts gewusst.“ Und wieder andere erzählen mir, dass sie durch das Buch zum ersten Mal mit ihren Eltern oder Großeltern über diese Zeit gesprochen haben.
Vielleicht ist genau das der größte Erfolg dieses Buches.
Nicht die Zahl der Auflagen allein. Sondern das, was daraus entstanden ist. Ein Buch wurde zum Gespräch. Ein Gespräch wurde zu einer Lesereise. Und eine Lesereise wurde zu einem Erinnerungsprojekt.
Zu einem Projekt, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Denn wenn ich heute vor jungen Menschen stehe und von Mauer, Stacheldraht, Minen, Schießbefehl, Überwachung und Staatssicherheit erzähle, dann geht es mir längst nicht nur darum, zu berichten, wie es damals war.
Es geht mir darum zu zeigen, welchen Wert Freiheit und Demokratie haben. Und dass beides niemals selbstverständlich ist.
Dass „Deckname Antenne“ diese Wirkung entfalten konnte, verdanke ich sehr vielen Menschen. Aber am Anfang stand ein Verlag, der gesagt hat: Schreib diese Geschichte auf.
Deshalb an diesem vierten Geburtstag von „Deckname Antenne“ mein ganz besonderer Dank an den Echter Verlag.
Und manchmal denke ich an diesen einen Satz von Thomas Häußner zurück: Ich solle doch „meine Lebensgeschichte“ schreiben.
Lieber Thomas, Du hattest recht.
Es war eine Geschichte, die offenbar erzählt werden wollte.
Und sie ist noch lange nicht zu Ende.
