
Nach vier Jahren Lesereise mit „Deckname Antenne“, nach mehr als 160 Veranstaltungen und unzähligen Gesprächen mit Menschen ganz unterschiedlicher Generationen und Lebensgeschichten ist für mich eine Erkenntnis immer wichtiger geworden: Die Beschäftigung mit DDR, Stasi, deutscher Teilung und Friedlicher Revolution bleibt nicht in der Vergangenheit, sondern führt fast zwangsläufig zu den großen Fragen unserer Gegenwart, und gerade mit Blick auf die anstehenden Wahlen im Herbst in Ostdeutschland beschäftigt mich immer stärker, wie stabil unsere Demokratie ist und was wir selbst dafür tun können, dass sie stabil bleibt.
Das erlebe ich keineswegs nur bei meinen vielen Lesungen in Schulen, auch wenn gerade die Begegnungen mit jungen Menschen für mich einen besonderen Stellenwert haben, sondern ebenso in Büchereien, Kirchengemeinden, Bildungseinrichtungen, bei Seniorenveranstaltungen, in kleinen Gemeinden und größeren Städten, in Bayern ebenso wie in Thüringen, Hessen und Baden-Württemberg. Oft beginnt das Gespräch mit meinen persönlichen Erfahrungen als Grenzreporter, mit meiner Stasi-Akte oder mit Bildern und Tönen aus der Zeit der deutschen Teilung, doch irgendwann sind wir bei der Gegenwart angekommen.
Und vor diesen Herbstwahlen drängt sich eine Frage besonders auf: Wie kann es sein, dass Menschen in der DDR 1989 unter erheblichem persönlichen Risiko für Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung auf die Straße gingen und wir heute gerade in Teilen Ostdeutschlands wieder eine bemerkenswerte Offenheit gegenüber autoritären politischen Vorstellungen erleben?

Die Gespräche meiner Lesereise haben mich gelehrt, mit vorschnellen Antworten sehr vorsichtig zu sein, denn die Erklärung, die Menschen im Osten hätten vier Jahrzehnte in einer Diktatur gelebt und seien deshalb bis heute autoritätsgläubiger, ist mir viel zu einfach und wird zudem der historischen Leistung von 1989 nicht gerecht. Gerade die Ostdeutschen haben damals schließlich bewiesen, dass sie keine geborenen Untertanen sind, denn sie warteten nicht darauf, dass irgendein starker Mann ihre Probleme löste, sondern überwanden ihre Angst, gingen auf die Straße und brachten ein System ins Wanken, das bis dahin den Eindruck erweckt hatte, auf Dauer unangreifbar zu sein.
Bei meinen Veranstaltungen erzählen mir ältere Besucher allerdings ebenso von den Jahren danach, von Betrieben, die verschwanden, von beruflichen Lebenswegen, die plötzlich nichts mehr wert zu sein schienen, von gesellschaftlichen Positionen, die verloren gingen, und manchmal auch von dem schmerzhaften Gefühl, dass über sie entschieden wurde, ohne dass ihre Erfahrungen und Lebensleistungen genügend berücksichtigt wurden. Andere widersprechen wiederum energisch und sagen, sie hätten die Wiedervereinigung als Befreiung und große Chance erlebt, und gerade diese unterschiedlichen Erinnerungen zeigen mir immer wieder, wie wenig sinnvoll es ist, von „den Ostdeutschen“ zu sprechen, als handele es sich um eine Gruppe mit einer einzigen gemeinsamen Erfahrung.
Trotzdem gibt es Erfahrungen, die nachwirken können, und vielleicht gehört dazu vor allem das Gefühl des Kontrollverlustes, denn wer nach 1989 bereits erlebt hat, wie innerhalb weniger Jahre eine vertraute Welt vollständig verschwinden kann, reagiert möglicherweise besonders empfindlich, wenn heute erneut von großen Veränderungen die Rede ist. Globalisierung, Migration, Digitalisierung, wirtschaftlicher Strukturwandel, Klimapolitik und Kriege erzeugen Unsicherheit, und wenn Menschen gleichzeitig den Eindruck gewinnen, politische Entscheidungen nicht mehr beeinflussen zu können, kann die Sehnsucht nach einfachen Antworten wachsen.
Dann klingt das Versprechen plötzlich verführerisch, dass endlich jemand aufräumt, klare Entscheidungen trifft, nicht mehr endlos diskutiert und dafür sorgt, dass alles wieder überschaubarer wird, und genau an diesem Punkt müsste eigentlich die entscheidende Frage gestellt werden: Welchen Preis sind wir bereit, für diese vermeintliche Einfachheit zu bezahlen?

Denn ein starker Staat, der keine lästigen Diskussionen mehr führen muss, braucht irgendwann vielleicht auch keine kritischen Medien mehr, keine starke Opposition, keine unabhängigen Gerichte und möglicherweise auch keine Bürger, die ihm ständig widersprechen, und damit sind wir plötzlich sehr nahe an jener Geschichte, über die ich seit Jahren bei „Deckname Antenne“ erzähle.
Meine rund 400 Seiten umfassende Stasi-Akte macht diesen Zusammenhang auf sehr persönliche Weise deutlich, denn der Staat interessierte sich für meine journalistische Arbeit, für Kontakte, Gespräche und Berichterstattung, weil unabhängiger Journalismus für ein autoritäres System niemals nur lästig, sondern gefährlich ist. Wenn ich darüber bei meinen Lesungen spreche, muss ich Demokratie nicht theoretisch erklären, denn die konkrete Geschichte zeigt viel unmittelbarer, was geschieht, wenn ein Staat beginnt zu entscheiden, welche Informationen erwünscht sind, welche Kritik erlaubt ist und welche Menschen wegen ihrer Arbeit oder ihrer Meinung beobachtet werden müssen.
Gerade deshalb ist „Deckname Antenne“ für mich im Laufe dieser langen Lesereise immer stärker zu einem Buch über die Gegenwart geworden, obwohl seine Geschichten überwiegend von einer längst verschwundenen Grenze und einem untergegangenen Staat handeln. Die entscheidende Frage lautet inzwischen nicht mehr nur, warum es Mauer, Stacheldraht und Stasi gegeben hat, sondern ebenso, warum Freiheit auch in einer Demokratie niemals selbstverständlich wird und weshalb jede Generation neu lernen muss, mit ihr verantwortlich umzugehen.
Dabei unterscheiden sich die Gespräche mit Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren natürlich, aber erstaunlicherweise führen sie häufig zu ganz ähnlichen Fragen: Warum fühlen sich Menschen von der Politik nicht mehr gehört, warum verlieren sie Vertrauen in staatliche Institutionen, warum werden einfache Antworten attraktiver, welche Verantwortung tragen Medien und soziale Netzwerke, und warum fällt es unserer Gesellschaft zunehmend schwer, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, ohne den anderen sofort zum Gegner zu erklären?
Aus diesen Gesprächen entstehen auch mögliche Antworten, und eine davon lautet für mich, dass Demokratie wieder stärker als persönliche Erfahrung verstanden werden muss, denn Menschen müssen erleben können, dass ihre Stimme nicht nur am Wahltag zählt, sondern dass Beteiligung tatsächlich etwas bewirken kann. Wer das Gefühl hat, gehört zu werden und selbst Einfluss nehmen zu können, wird vermutlich weniger empfänglich für jemanden sein, der verspricht, alle Entscheidungen stellvertretend für ihn zu treffen.
Dazu gehört auch, dass Politik Entscheidungen verständlicher erklärt, Sorgen ernst nimmt, ohne jeder Forderung nachzugeben, und Menschen nicht vorschnell moralisch in Schubladen steckt, denn eine Demokratie muss Widerspruch aushalten können. Gleichzeitig muss sie dort klare Grenzen ziehen, wo Menschenwürde, Freiheit und demokratische Grundordnung angegriffen werden, weil Toleranz gegenüber anderen Meinungen nicht bedeuten kann, die Abschaffung der eigenen demokratischen Grundlagen gleichgültig hinzunehmen.
Eine weitere Erkenntnis meiner Lesereise betrifft die Bedeutung persönlicher Begegnungen, denn bei einer Lesung sitzen manchmal Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Ansichten und Biografien anderthalb Stunden gemeinsam in einem Raum, hören dieselben Geschichten, betrachten dieselben Bilder und beginnen anschließend miteinander zu sprechen. Es wird durchaus widersprochen, manchmal wird leidenschaftlich diskutiert und gelegentlich wird es emotional, aber die Menschen bleiben miteinander im Gespräch, und vielleicht ist genau das bereits ein kleines Stück gelebter Demokratie.

Besonders wichtig erscheint mir außerdem, die ostdeutsche Geschichte nicht ausschließlich als Geschichte von SED, Stasi und Mauer zu erzählen, denn Millionen Menschen haben dort gearbeitet, geliebt, Familien gegründet, Kinder großgezogen, Freundschaften gepflegt und unter schwierigen Bedingungen versucht, ihr Leben zu gestalten. Zu dieser Geschichte gehört aber ebenso, dass Menschen irgendwann den Mut fanden, ihre Angst zu überwinden und die Diktatur selbst zu Fall zu bringen, und diese demokratische Leistung von 1989 müsste viel stärker Bestandteil unseres gemeinsamen historischen Gedächtnisses sein.
Gerade deshalb betrachte ich die bevorstehenden Wahlen in Ostdeutschland nicht nur mit politischem Interesse, sondern auch mit den Erfahrungen aus vier Jahren Lesereise, denn hinter Wahlergebnissen stehen Menschen mit Lebensgeschichten, Enttäuschungen, Hoffnungen und Ängsten, die man verstehen muss, ohne deshalb jede politische Konsequenz dieser Gefühle gutzuheißen. Wer Demokratie stärken will, darf nicht nur dann mit Menschen sprechen, wenn eine Wahl bevorsteht, sondern muss dauerhaft zuhören, erklären, widersprechen und vor allem den demokratischen Streit aushalten.
Gerade bei jungen Menschen merke ich, wie wichtig es ist, Geschichte nicht nur über Jahreszahlen und Institutionen zu vermitteln, sondern über konkrete Lebensgeschichten, denn plötzlich wird aus dem abstrakten Begriff „Stasi“ die Geschichte eines Menschen, der beobachtet wurde, und aus dem Begriff „Grenze“ wird ein Ort, an dem Menschen tatsächlich nicht weitergehen durften. Daraus entstehen Fragen, und genau diese Fragen sind mir wichtiger als jede fertige politische Antwort.
Aber auch die älteren Besucher meiner Lesungen bringen etwas Entscheidendes ein, weil sie eigene Erinnerungen ergänzen, widersprechen, bestätigen oder eine Geschichte aus einer völlig anderen Perspektive erzählen, und manchmal entstehen gerade nach einer Veranstaltung Gespräche, die mir selbst neue Zusammenhänge zeigen. Deshalb verstehe ich diese Lesereise längst nicht mehr als Einbahnstraße, bei der vorne einer erzählt und hinten die anderen zuhören, sondern als einen immer weitergehenden Austausch von Erfahrungen.
Vielleicht liegt darin sogar ein Teil der Antwort auf die Frage, was wir gegen die Sehnsucht nach autoritären Lösungen tun können: Wir müssen wieder mehr miteinander reden, einander zuhören, Unterschiede aushalten und gleichzeitig deutlich machen, dass Freiheit nicht bedeutet, dass immer alles nach dem eigenen Willen geschieht.

Demokratie ist kompliziert, manchmal langsam und gelegentlich sogar frustrierend, weil sie vom Kompromiss lebt und niemand dauerhaft hundert Prozent seiner Vorstellungen durchsetzen kann, aber gerade darin liegt ihre Stärke. Sie braucht keinen allwissenden starken Mann, sondern selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich einzumischen und auch dann demokratische Regeln zu akzeptieren, wenn eine Entscheidung einmal nicht ihren eigenen Vorstellungen entspricht.
Vielleicht sollten wir deshalb die Frage nach Ostdeutschland auch anders stellen und nicht ständig fragen, warum dort autoritäre Parteien und Vorstellungen Zustimmung finden, sondern ebenso danach fragen, wie wir wieder an jene enorme demokratische Kraft anknüpfen können, die 1989 gerade von den Menschen in Ostdeutschland ausgegangen ist.
Denn diese Menschen haben damals etwas gezeigt, das heute aktueller kaum sein könnte: Sie haben nicht auf jemanden gewartet, der ihnen Freiheit schenkt, sondern sie haben selbst gehandelt.
Und auch deshalb werde ich im Herbst meine Lesereise mit „Deckname Antenne“ fortsetzen. Nicht weil ich glaube, anderen Menschen erklären zu müssen, was sie wählen oder denken sollen, und schon gar nicht, weil eine Lesung eine politische Veranstaltung ersetzen könnte, sondern weil ich in diesen vier Jahren erlebt habe, wie viel entstehen kann, wenn Menschen unterschiedlicher Generationen und Erfahrungen zusammenkommen, Geschichte hören und anschließend miteinander über die Gegenwart sprechen.

Ich werde also weiter von der innerdeutschen Grenze erzählen, von meinen Jahren als BR-Grenzreporter, von der Stasi und meiner Akte, vom Alltag in der DDR, von den Begegnungen zwischen Ost und West und natürlich von jenem unglaublichen Herbst 1989, in dem Menschen bewiesen haben, dass auch ein scheinbar übermächtiges System seine Macht verliert, wenn genügend Bürger ihre Angst überwinden.
Und ich werde weiter fragen: Warum?
Warum konnte eine Diktatur so lange bestehen, warum haben Menschen geschwiegen, warum haben andere widersprochen, warum gingen schließlich Hunderttausende auf die Straße, und warum müssen wir heute, Jahrzehnte später, wieder darüber reden, wie wertvoll und gleichzeitig wie verletzlich unsere Freiheit ist?
Nach vier Jahren mit „Deckname Antenne“, nach Begegnungen mit jungen Menschen, Senioren, Zeitzeugen und einem Publikum mit sehr unterschiedlichen politischen und persönlichen Erfahrungen ist deshalb vielleicht dies meine wichtigste Erkenntnis: Demokratie lässt sich nicht vererben wie ein Haus, das einmal gebaut wird und dann für immer stehen bleibt, sondern jede Generation muss neu verstehen, warum dieses Haus überhaupt gebaut wurde, was es schützt und weshalb es immer wieder gepflegt, repariert und notfalls verteidigt werden muss.
Deshalb geht die Lesereise im Herbst weiter, und vielleicht ist ihre Aufgabe heute sogar noch ein wenig deutlicher geworden als zu ihrem Beginn: Erinnern, miteinander reden, Fragen stellen und aus der Vergangenheit nicht fertige Antworten, sondern Verantwortung für die Gegenwart gewinnen.
Denn Freiheit beginnt nicht erst im Parlament und Demokratie endet nicht mit dem Wahltag.
Sie beginnt bei jedem Einzelnen.
Zuhören, nachfragen, widersprechen, andere Meinungen aushalten, sich einmischen – und selber denken.

