
„Warum hast du eigentlich diese Resonanz mit deinen Lesungen?“ Diese Frage wird mir immer wieder gestellt.
Natürlich liegt es am Thema. In meinen Lesungen geht es um Freiheit und Demokratie, um die deutsche Teilung, die DDR, die Stasi, die friedliche Revolution und den Fall der Mauer. Aber es geht nicht nur um Geschichte. Es geht um unsere Gegenwart. Denn Freiheit und Demokratie sind keine Geschenke, die für alle Zeiten garantiert sind. Gerade heute erleben wir wieder, wie verletzlich sie sein können.
Doch das allein erklärt für mich die Resonanz nicht. Entscheidend ist ein besonderes Gefühl, das nach diesen 90 Minuten bei vielen Menschen zurückbleibt. Sie sprechen über das Gehörte, erzählen anderen davon und empfehlen die Lesung weiter. Diese Mundpropaganda ist meine beste Werbung.
Besonders spüre ich das bei Menschen, die die Ereignisse vor knapp 40 Jahren selbst miterlebt haben. Für sie ist die deutsche Teilung keine ferne Geschichte. Sie erinnern sich an die Grenze, an den Kalten Krieg, an die dramatischen Wochen des Herbstes 1989 – und an ihre eigenen Gefühle von damals.
Heute wissen wir, wie alles ausging: Die Mauer fiel, die Grenzen öffneten sich, Deutschland wurde wiedervereinigt. Doch damals konnte niemand wissen, ob diese Geschichte friedlich enden würde. Europa war geteilt, hochgerüstete Armeen standen sich gegenüber, Atomwaffen bedrohten die Welt. Ein falscher Schritt hätte unabsehbare Folgen haben können.
Dass die friedliche Revolution friedlich blieb und aus der Konfrontation kein dritter Weltkrieg entstand, war alles andere als selbstverständlich.
Genau deshalb endet meine Lesung immer mit einem ganz persönlichen Satz:
„Ich habe Demut und Dankbarkeit.“
Und danach ist es oft lange still im Raum.
Diese Stille berührt mich jedes Mal. Denn plötzlich geht es nicht mehr um mein Buch oder um mich. Jeder ist für einen Augenblick bei seinen eigenen Gedanken.
Demut darüber, was uns erspart geblieben ist. Dankbarkeit gegenüber den mutigen Menschen, die für ihre Freiheit auf die Straße gingen. Und Dankbarkeit dafür, dass wir heute in einem freien und wiedervereinigten Deutschland leben können.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis dieser Resonanz:
Freiheit ist nicht selbstverständlich. Demokratie ist nicht selbstverständlich. Frieden ist nicht selbstverständlich.
Und vielleicht sind deshalb diese beiden Worte inzwischen zur wichtigsten Botschaft meiner Lesereise geworden:
Demut und Dankbarkeit. Und daraus der Mut und die Entschiedenheit für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.
