
„Deckname Antenne“ und das gesamte Erinnerungsprojekt würde es ohne meinen Beruf nicht geben. Vor sechs Jahren im Herbst 2020 endete meine Zeit beim Bayerischen Rundfunk. Mit Abstand, ein paar Gedanken. Gerade jetzt wo der Öffentlich rechtliche Rundfunk verstärkt unter Druck gerät.
Wenn ich heute im Internet nachlese, was über meine Tätigkeit beim Bayerischen Rundfunk zu finden ist, begegnet mir immer wieder dieselbe Bezeichnung: „die Stimme Mainfrankens“. Ich freue mich darüber. Eine solche Zuschreibung kann man sich nicht selbst geben. Sie entsteht erst dann, wenn Menschen über viele Jahre das Gefühl entwickeln, eine Stimme zu kennen, ihr zu vertrauen und sie mit ihrer Heimat zu verbinden.
Trotzdem beschreibt diese Bezeichnung nur einen Teil meiner 42 Jahre beim Bayerischen Rundfunk. Denn hinter der Stimme stand ein ganzes journalistisches Leben: Reporterfahrten und Liveübertragungen, politische Auseinandersetzungen und menschliche Begegnungen, Volksmusik und Grenzgeschichten, frühe Morgenstunden und lange Nächte, Verantwortung für ein Studio und ein Team – und schließlich der gewaltige Wandel vom analogen Radio zum multimedialen Journalismus.
Was steht also im Netz über meine Arbeit? Und noch wichtiger: Was sagt das über mein Verständnis von Journalismus aus?
Ein Berufsleben in einer Region
Seit 1978 arbeitete ich für den Bayerischen Rundfunk. 1980 wechselte ich vollständig in das noch junge Regionalstudio Würzburg, zunächst als freier Mitarbeiter, ab 1983 als Redakteur. 1996 übernahm ich die Leitung des Studios und behielt sie bis zu meinem Ruhestand am 30. September 2020. Damals war ich der dienstälteste Regionalstudioleiter des Bayerischen Rundfunks.
Das sind die nüchternen Daten eines Berufslebens. Doch hinter ihnen steckt eine ungewöhnliche Kontinuität. Ich habe nicht alle paar Jahre den Sender, die Redaktion oder die Region gewechselt. Ich blieb in Mainfranken. Nicht weil mir der Blick über die Region hinaus fehlte, sondern weil ich erfahren habe, wie viel Welt sich in einer Region entdecken lässt.
Regionaljournalismus wird manchmal behandelt, als sei er die kleinere Ausgabe des großen Journalismus. Hier das vermeintlich große Berlin, dort die kleine Gemeinde. Hier Bundespolitik, dort der Gemeinderat. Hier Weltgeschichte, dort Lokalgeschichte. Diese Trennung habe ich nie akzeptiert. Große politische Entscheidungen werden erst in den Regionen konkret. Dort zeigt sich, was Politik für Menschen tatsächlich bedeutet. Dort werden Strukturwandel, wirtschaftliche Krisen, gesellschaftliche Spannungen, Migration, demografische Veränderungen und politische Umbrüche sichtbar.
Die deutsche Teilung war keine abstrakte Weltpolitik. Für die Menschen in Unterfranken und Südthüringen war sie unmittelbare Lebenswirklichkeit. Die Grenze verlief durch ihre Landschaften, Familiengeschichten und Erinnerungen. Der Kalte Krieg fand nicht nur in Washington, Moskau, Bonn und Ost-Berlin statt. Er stand in Form von Zäunen, Wachtürmen, Minenfeldern und Kasernen direkt vor unserer Haustür.
Wer aus einer Region berichtet, muss deshalb beides können: ganz nah herangehen und gleichzeitig die größeren Zusammenhänge erkennen.

„In kritischer Liebe zur Heimat“
Mein journalistisches Motto lautete immer: „In kritischer Liebe zur Heimat.“
In diesen fünf Worten steckt für mich der Kern eines glaubwürdigen Regionaljournalismus. Heimatliebe darf nicht bedeuten, Missstände zu verschweigen, Mächtigen nach dem Mund zu reden oder jede Kritik als Nestbeschmutzung abzulehnen. Wer seine Heimat liebt, muss auch den Mut haben, ihr unbequeme Fragen zu stellen.
Gleichzeitig darf kritischer Journalismus nicht in Überheblichkeit umschlagen. Journalisten sollten Menschen nicht von oben herab erklären, wie sie zu denken haben. Sie müssen zuhören, nachfragen, überprüfen, einordnen und Widersprüche aushalten. Nähe zu den Menschen ist keine journalistische Schwäche. Sie wird erst dann problematisch, wenn aus Nähe Abhängigkeit oder Gefälligkeit entsteht.
Gerade als Leiter eines Regionalstudios war diese Balance entscheidend. Man begegnet Politikern, Verbandsvertretern, Wirtschaftsführern, Kirchenleuten und Kulturschaffenden immer wieder. Man kennt sich. Aber journalistisches Vertrauen darf niemals mit persönlicher Rücksichtnahme verwechselt werden. Wer heute freundlich miteinander spricht, muss sich morgen trotzdem kritischen Fragen stellen können.
Ich wollte nie gegen meine Heimat berichten. Ich wollte aber ebenso wenig für eine geschönte Heimatkulisse berichten. Ich wollte über die Region berichten, wie sie ist: schön und widersprüchlich, selbstbewusst und verletzlich, traditionsreich und veränderungsbedürftig.
Radio als Nähe ohne Aufdringlichkeit
Von 1982 bis 2020 moderierte ich das mainfränkische Mittagsmagazin, die frühere „Welle Mainfranken“. Von 1984 bis 2020 kamen zahlreiche Volksmusiksendungen hinzu. Über Jahrzehnte hinweg war ich damit regelmäßig in den Wohnzimmern, Küchen, Büros, Werkstätten und Autos der Menschen zu hören.
Nah dran
Radio besitzt eine besondere Form von Nähe. Ein Fernsehmoderator wird zuerst gesehen. Ein Radiomensch entsteht dagegen im Kopf der Hörerin oder des Hörers. Man hört eine Stimme und verbindet mit ihr ein Gesicht, eine Haltung, vielleicht sogar ein bestimmtes Lebensgefühl.
Mein Satz „Es gibt nichts Schöneres, als mit Radio Bilder im Kopf der Hörer zu erzeugen“ war deshalb keine hübsche Formulierung für einen Fragebogen. Er beschreibt meine Liebe zu diesem Medium. Radio lebt von Sprache, Atmosphäre und Vorstellungskraft. Ein guter Radiobeitrag lässt Menschen einen Ort sehen, obwohl sie ihn nicht sehen können. Er lässt sie die Spannung einer Situation spüren, obwohl sie viele Kilometer entfernt sind.
Doch Vertrautheit allein reicht nicht. Eine bekannte Stimme kann angenehm sein, aber daraus entsteht noch kein Qualitätsjournalismus. Entscheidend ist, was diese Stimme sagt, wie verlässlich ihre Informationen sind und ob die Menschen spüren, dass derjenige am Mikrofon seine Arbeit ernst nimmt.
Die Bezeichnung „Stimme Mainfrankens“ verstehe ich deshalb weniger als Lob für einen besonderen Klang. Sie ist für mich vor allem ein Vertrauensbeweis. Offenbar verbanden Menschen meine Stimme mit ihrer Region und mit dem Gefühl: Der kennt unsere Gegend, der kennt die Menschen, und der meint es ernst.
Der Bayerische Rundfunk beschrieb mich bei meinem Abschied als eine Stimme, die Hörerinnen und Hörer von Bayern 1 und BR Heimat kannten und schätzten. BR: „Die Stimme Mainfrankens sagt Ade“
Volksmusik war für mich kein journalistisches Nebengleis
Auch meine jahrzehntelange Beschäftigung mit der fränkischen Volksmusik gehört zu diesem Bild. Volksmusik wurde von manchen lange als journalistische Nische betrachtet – freundlich, gemütlich, aber nicht besonders bedeutend. Ich sah das anders.
In Liedern, Tänzen, Dialekten und überlieferten Geschichten zeigt sich das Gedächtnis einer Region. Volksmusik erzählt von Arbeit und Armut, von Festen, Abschied, Liebe, Spott, Glauben und gesellschaftlichen Veränderungen. Sie bewahrt Sprache und regionale Eigenheiten, ohne deshalb in der Vergangenheit stehen bleiben zu müssen.
Mir ging es nicht um eine museale Heimatpflege. Mich interessierten die Menschen hinter der Musik. Warum spielen sie? Was bedeutet ihnen ihre Tradition? Wie verändert sich Volksmusik, wenn sich die Gesellschaft verändert? Und wie kann man diese Kultur im Rundfunk darstellen, ohne sie entweder zu verkitschen oder herablassend zu behandeln?
Dass mich die Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik später zum Ehrenmitglied ernannte, empfinde ich deshalb als besondere Anerkennung. Sie kam von Menschen, über deren Musik und Lebenswelt ich viele Jahre berichtet hatte.

Führung bedeutet mehr als Verwaltung
Als ich 1996 die Leitung des BR-Studios Mainfranken übernahm, veränderte sich meine Verantwortung. Ich blieb Reporter und Moderator, aber ich musste zunehmend organisieren, entscheiden, vermitteln und Entwicklungen voraussehen.
Die Aufgabe eines Studioleiters besteht nicht nur darin, Dienstpläne zu prüfen und Konferenzen zu besuchen. Er trägt journalistische Verantwortung. Welche Themen setzen wir? Welche Geschichten übersehen wir möglicherweise? Sind wir wirklich in der gesamten Region präsent – oder berichten wir nur dort, wo Termine leicht erreichbar und Pressemitteilungen bequem verfügbar sind? Kommen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zu Wort? Und haben junge Kolleginnen und Kollegen genügend Freiraum, um sich zu entwickeln?
Gleichzeitig musste ich den grundlegenden Medienwandel begleiten. Aus einem klassischen Hörfunk- und Fernsehstudio wurde ein multimedialer Standort, der Beiträge für sämtliche Ausspielwege des Bayerischen Rundfunks lieferte. Radio und Fernsehen blieben, Onlineangebote kamen hinzu, später soziale Medien und immer stärker vernetzte Redaktionsstrukturen.
Der BR würdigte bei meiner Verabschiedung ausdrücklich, dass ich diesen Wandel der Regionalstudios hin zu multimedialen Dienstleistern vorangetrieben habe.
BR-Rückblick auf meinen Ruhestand
Das klingt heute beinahe selbstverständlich. Es war es damals nicht. Technische Umbrüche lösen immer auch Ängste aus. Gewohnte Arbeitsweisen verändern sich, Berufsbilder verschieben sich, neue Anforderungen kommen hinzu. Führung bedeutet in solchen Zeiten nicht, jede neue Mode begeistert auszurufen. Sie bedeutet, notwendige Veränderungen zu erkennen, sie verständlich zu machen und zugleich das zu bewahren, was Journalismus unabhängig von seiner technischen Form auszeichnet: Recherche, Genauigkeit, Einordnung, sprachliche Klarheit und Verantwortung.
Ein schlechter Beitrag wird nicht dadurch besser, dass er auf fünf Plattformen verbreitet wird. Ein guter journalistischer Gedanke dagegen kann im Radio, im Fernsehen, im Netz und in den sozialen Medien jeweils eine passende Form finden.
Die Grenze wurde zu meinem journalistischen Lebensthema
Von allen Themen meiner BR-Jahre berührte mich die deutsche Teilung am tiefsten. Die innerdeutsche Grenze gehörte für mich über Jahre zum journalistischen Alltag. Ich berichtete über das Leben an der Grenze, über die schwierigen Beziehungen zwischen Ost und West und über die entstehende Städtepartnerschaft zwischen Würzburg und Suhl.
Dabei wollte ich die DDR weder romantisieren noch ihre Menschen mit ihrem politischen System gleichsetzen. Mich interessierte der Alltag hinter der Grenze. Wie lebten die Menschen? Was wussten sie von uns? Was konnten wir von ihnen erfahren? Und wie ließ sich aus einem abgeschotteten Staat berichten, ohne sich von dessen Inszenierungen täuschen zu lassen?

Immer wieder reiste ich mit meinem Mikrofon in die DDR, um Geschichten aus dem „anderen Deutschland“ zu erzählen. Erst Jahrzehnte später erfuhr ich durch meine Stasi-Akten, wie genau ich dabei beobachtet worden war. Telefonate und Sendungen wurden abgehört, Reisen dokumentiert, Begegnungen ausgewertet. In den Akten wurde ich zeitweise wie ein Staatsfeind behandelt.
Diese Überwachung zeigt im Rückblick, dass Journalismus von autoritären Systemen nicht als harmlose Tätigkeit betrachtet wird. Ein Mikrofon kann für eine Diktatur gefährlich sein, wenn jemand damit unkontrollierte Wirklichkeit aufnimmt. Eine freie Frage kann gefährlich werden, weil sie nicht in das vorgegebene Bild passt.
Der BR selbst beschreibt dieses Interesse an der DDR und das deutsch-deutsche Verhältnis heute als mein journalistisches Lebensthema. Bayern 2 über „Deckname Antenne“
Die Nacht, in der Geschichte hörbar wurde
Zu den stärksten Erinnerungen meines Berufslebens gehört die Grenzöffnung am Übergang Eußenhausen–Meiningen. In solchen historischen Stunden reicht es nicht, einen vorbereiteten Text vorzulesen. Der Reporter muss beobachten und Worte für etwas finden, dessen ganze Bedeutung in diesem Augenblick noch niemand überblicken kann.
Menschen kamen über eine Grenze, die Jahrzehnte lang unüberwindbar erschienen war. Familien, die getrennt waren, konnten sich begegnen. Angst wich Erleichterung, Ungläubigkeit und Freude. Die politische Weltordnung veränderte sich – und zugleich ging es um sehr persönliche Momente.
Meine Live-Reportagen von dieser Grenze waren keine distanzierten Rückblicke. Sie entstanden mitten im Geschehen. Gerade deshalb wurden sie emotional. Journalismus muss sachlich sein, aber Sachlichkeit bedeutet nicht Gefühllosigkeit. Wenn Geschichte Menschen sichtbar bewegt, wäre es unehrlich, so zu tun, als berühre sie den Reporter nicht.
Wichtig ist die Unterscheidung: Ein Journalist darf Gefühle wahrnehmen und benennen. Er darf sich aber nicht von ihnen dazu verleiten lassen, Tatsachen zu verbiegen. Emotion und Genauigkeit schließen einander nicht aus. Im besten Fall verstärken sie sich: Die Fakten erklären, was geschieht; die Atmosphäre vermittelt, was dieser Augenblick für Menschen bedeutet.
Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der seinen Auftrag ernst nimmt
Meine 42 Jahre beim Bayerischen Rundfunk waren nur möglich, weil ich in einem freiheitlichen Staat arbeiten durfte. Niemand schrieb mir vor, welche politische Linie ich zu vertreten hatte. Niemand zensierte meine Beiträge. Natürlich gab es redaktionelle Diskussionen, unterschiedliche Auffassungen und manchmal auch Streit. Aber genau das gehört zu einer freien journalistischen Kultur.
Heute wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk schärfer kritisiert als früher. Kritik muss möglich sein. Auch ARD und ZDF machen Fehler, können schwerfällig wirken, müssen Strukturen überprüfen und ihre Entscheidungen transparenter erklären. Wer öffentlich finanziert wird, trägt eine besondere Verantwortung.
Aber zwischen berechtigter Kritik und der pauschalen Verächtlichmachung unabhängiger Medien besteht ein großer Unterschied. Wer Journalisten grundsätzlich zu Feinden erklärt, will meistens nicht besseren Journalismus. Er will Journalismus einschüchtern oder nur noch solche Berichterstattung akzeptieren, die das eigene Weltbild bestätigt.
Meine Stasi-Akten haben mir nachträglich gezeigt, was es bedeutet, wenn ein Staat Medien nicht als unabhängige Kontrolle, sondern als Instrument der Macht begreift. Deshalb halte ich einen starken, reformfähigen und staatsfern organisierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin für unverzichtbar.
Demokratie braucht Orte, an denen nicht die größte Lautstärke, die höchste Reichweite oder das meiste Geld darüber entscheiden, welche Informationen Menschen erreichen. Gerade regionale Berichterstattung kostet Geld. Sie lässt sich nicht überall gewinnbringend vermarkten. Aber ohne sie entstehen journalistische Leerstellen, in denen Gerüchte, Ressentiments und gezielte Desinformation leichter wachsen können.

Auszeichnungen sind nicht die Arbeit – aber sie bewerten sie
Im Netz findet sich auch eine Reihe von Auszeichnungen: der Kurt-Magnus-Preis der ARD für meine deutsch-deutsche Berichterstattung, der Publizistikpreis der Bayerischen Bezirke, der Silberne Bocksbeutel des Fränkischen Weinbauverbands, der Frankenwürfel, die Ehrenmitgliedschaft der Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik und schließlich der Bayerische Verfassungsorden.
Keine Auszeichnung ersetzt eine gelungene Reportage. Kein Orden macht aus einem schwachen Beitrag einen guten. Und ein Journalist sollte nicht arbeiten, um später geehrt zu werden. Trotzdem erzählen diese Auszeichnungen etwas über die unterschiedlichen Bereiche meines Wirkens: über meine deutsch-deutsche Berichterstattung, meine Verwurzelung in Franken, meine Beschäftigung mit regionaler Kultur und meinen Einsatz für die demokratischen Grundlagen unseres Gemeinwesens. Eine Übersicht dieser Ehrungen ist auf meiner eigenen Internetseite dokumentiert.
Der Frankenwürfel bedeutete mir besonders viel, weil er für eine fränkische Eigenart steht: „wendich, witzich und widersprüchlich“. Der BR würdigte damals meinen „lebendigen Qualitätsjournalismus aus der Region“ und meine „hochklassige wie unprätentiöse fränkische Note“.
Noch grundsätzlicher war die Verleihung des Bayerischen Verfassungsordens im Jahr 2022. Landtagspräsidentin Ilse Aigner sagte über mich: „Wenn Radio ein Gesicht hätte – es wäre das Ihre.“ Sie erinnerte an meine fundierten, kurzweiligen und kritischen Beiträge und daran, dass mit mir die „Stimme Mainfrankens“ in den Ruhestand gegangen sei.
Der Orden würdigt Menschen, die sich in besonderer Weise um die Verwirklichung der Grundsätze der Bayerischen Verfassung verdient gemacht haben. Das ist mehr als ein berufliches Lob. Es verbindet journalistische Arbeit mit demokratischer Verantwortung.
Was im Internet kaum sichtbar wird
Das Internet nennt Ämter, Jahreszahlen, Sendungen und Preise. Es kann aber nur schwer wiedergeben, woraus ein langes Berufsleben wirklich besteht.
Es verzeichnet nicht jedes Gespräch mit einem Menschen, der einem Reporter vertraute. Es erinnert sich nicht an alle nervösen Minuten vor einer Liveübertragung. Es zeigt kaum die Beiträge, die kurzfristig entstanden und nach der Sendung verschwanden. Es nennt nicht all die Kolleginnen und Kollegen, ohne die keine Redaktion funktionieren würde. Es beschreibt selten die Zweifel: Ist der Beitrag gerecht? Haben wir alle Seiten gehört? Haben wir etwas übersehen? Ist unsere Sprache klar genug? Werden wir den betroffenen Menschen gerecht?
Journalismus besteht nicht nur aus den großen Momenten. Er besteht ebenso aus täglicher Verlässlichkeit. Pünktlich auf Sendung zu sein. Eine Zahl noch einmal zu überprüfen. Einen komplizierten Sachverhalt so lange zu durchdringen, bis man ihn verständlich erklären kann. Sich nicht mit der ersten Antwort zufriedenzugeben. Einen Fehler einzugestehen. Auch dann sachlich zu bleiben, wenn der Gesprächspartner ausweicht oder angreift.
Vielleicht entsteht Vertrauen gerade aus dieser unspektakulären Beständigkeit. Nicht ein einzelner großer Auftritt macht einen Journalisten zur vertrauten Stimme, sondern die Summe vieler kleiner Begegnungen über Jahrzehnte.
Mein eigentliches Urteil
Was bleibt also von meinen 42 Jahren beim Bayerischen Rundfunk?
Es bleibt die Erinnerung an einen Beruf, den ich nie nur als Beschäftigung verstanden habe. Ich durfte neugierig sein, Menschen begegnen, Fragen stellen, reisen, zuhören, erzählen und Zeitgeschichte miterleben. Ich durfte eine Region über Jahrzehnte begleiten und ein Studio durch einen tiefgreifenden Medienwandel führen.
Es bleibt auch die Erkenntnis, dass journalistische Glaubwürdigkeit nicht über Nacht entsteht. Sie wächst langsam – durch Verlässlichkeit, erkennbare Haltung, Unabhängigkeit und die Bereitschaft, immer wieder hinauszugehen zu den Menschen.
Ich war kein neutraler Mensch. Das kann kein Journalist sein. Ich hatte Überzeugungen, Prägungen und Gefühle. Aber ich habe versucht, in meiner Arbeit fair, faktenorientiert und offen zu bleiben. Haltung bedeutet für mich nicht, die Ergebnisse der Recherche schon vorher festzulegen. Haltung zeigt sich darin, Menschenwürde, Freiheit und Demokratie nicht zur beliebigen Verhandlungsmasse zu machen.
Es bleibt schließlich eine Erfahrung, die mich bis heute trägt: Heimat und Weltoffenheit sind keine Gegensätze. Wer tief verwurzelt ist, muss deshalb nicht eng denken. Und wer kritisch berichtet, liebt seine Heimat nicht weniger. Vielleicht liebt er sie sogar ernster, weil er ihr zutraut, sich mit ihren Widersprüchen auseinanderzusetzen.

Die Geschichte endete nicht mit dem Ruhestand
Mein letzter regulärer Arbeitstag beim Bayerischen Rundfunk war der 30. September 2020. Aber mein journalistisches Leben endete an diesem Tag nicht. Es veränderte nur seine Form.
Aus meinem deutsch-deutschen Lebensthema entstand das Buch „Deckname Antenne – Als Journalist im Visier der Stasi“. Aus dem Buch entwickelte sich eine Lesereise, die ich in diesem Umfang niemals geplant hatte. Heute erzähle ich in Schulen, Bildungseinrichtungen, Gedenkstätten und bei öffentlichen Veranstaltungen von Diktatur, Überwachung, Mauerfall, Freiheit und Demokratie.
Damit setze ich im Grunde fort, was ich beim Bayerischen Rundfunk gelernt und 42 Jahre lang getan habe: Ich vermittle Geschichte durch Geschichten. Ich erkläre politische Zusammenhänge anhand menschlicher Erfahrungen. Ich arbeite mit Sprache, Bildern, Tönen und historischen Dokumenten. Und ich suche weiterhin die direkte Begegnung mit meinem Publikum.
Im August 2026 war ich erneut Gast in der BR-Abendschau. Der Anlass war mein journalistischer Alltag an der innerdeutschen Grenze und die Beobachtung durch die Staatssicherheit. Dass der Bayerische Rundfunk auch sechs Jahre nach meinem Ruhestand auf diese Erfahrungen zurückgreift, zeigt: Ein Berufsleben verschwindet nicht einfach mit dem letzten Arbeitstag.
Vielleicht ist „Deckname Antenne“ deshalb nicht nur ein Erinnerungsprojekt über die DDR. Es ist auch die Fortsetzung meines journalistischen Lebens mit anderen Mitteln.
Mehr als eine Stimme
Ja, ich war die „Stimme Mainfrankens“. Diese Bezeichnung macht mich dankbar und auch ein wenig stolz. Aber hinter dieser Stimme steckte mehr: ein Reporter, ein Moderator, ein Redakteur, ein Studioleiter, ein Geschichtenerzähler, ein Vermittler, gelegentlich ein Mahner und immer ein neugieriger Mensch.
Ich habe den Bayerischen Rundfunk nicht aus der Distanz erlebt. Er war 42 Jahre lang meine berufliche Heimat. Wie jede Heimat war auch diese nicht vollkommen. Es gab Veränderungen, Konflikte, Belastungen und Entscheidungen, die ich unterschiedlich bewertete. Aber ich durfte dort frei arbeiten. Ich durfte Fragen stellen, Kritik üben und Menschen zu Wort kommen lassen. Gerade der spätere Blick in meine Stasi-Akten machte mir noch deutlicher, welch großes Privileg das war.
Wenn ich heute die Texte im Internet lese, erkenne ich viele Teile meines Berufslebens wieder. Aber seine tiefste Bedeutung steht zwischen den Zeilen.
Sie liegt in dem Vertrauen, das mir Menschen schenkten. Sie liegt in der Verantwortung, die ich für ein Studio und seine journalistische Arbeit tragen durfte. Sie liegt in den Stimmen derjenigen, deren Geschichten ich weitererzählt habe. Und sie liegt in der Überzeugung, dass guter Journalismus nicht laut sein muss, um Wirkung zu entfalten.
Er muss glaubwürdig sein.
Wenn das von meiner Arbeit beim Bayerischen Rundfunk geblieben ist, dann ist es mehr, als ich mir zu Beginn im Jahr 1978 hätte vorstellen können.
Und ich konnte- Dank öffentlich rechtlichem Rundfunk – persönlich frei, unzensiert und dem Pressekodex verpflichtet berichten.
Das war mir immer das Wichtigste!
