
Seit fast vier Jahren bin ich unterwegs. Ich erinnere an die brutale DDR-Grenze, an die Bespitzelung durch die Stasi und an den mutigen Kampf der Menschen in Ostdeutschland, die mit der Friedlichen Revolution Freiheit und Demokratie errangen. Von Woche zu Woche wurden meine multimedialen Vorträge aktueller. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine spaltet Europa erneut. Parteien, die mit Ausgrenzung, Nationalismus und menschenfeindlichen Parolen Politik machen, gewinnen wieder an Zustimmung. Vieles erinnert erschreckend an das Jahr 1933.
Was motiviert mich, dagegen aufzustehen – gerade auch in den Schulen? Es ist auch die Lebensgeschichte meines Vaters Alfons Schellenberger. Gemeinsam mit unserer Mutter Hildegard lebte er uns Weltoffenheit, Gastfreundschaft und christliche Werte vor. Menschen aus aller Welt waren bei uns willkommen. Mein Vater war eines meiner wichtigsten Vorbilder.
Was hat er nicht alles durchstehen müssen. Während der beginnenden NS-Zeit wollte er kein Hitlerjunge werden und wurde dafür öffentlich gedemütigt. Ausgerechnet dieser Mann, dessen Vater bereits 1935 auf dem Sterbebett vor Adolf Hitler warnte – „der diese Buben ins Verderben schickt“ –, musste später in einem Krieg leiden, den er verabscheute. Er war kein Mitläufer.

Dass er auch in der fernen russischen Gefangenschaft nie aufgab, verdankte er seinem tiefen Glauben. In seinen Briefen grüßte er immer wieder die Muttergottes auf dem Zeiler Kapellenberg. Trotz aller Not, aller Schmerzen und aller Qualen verlor er nie die Hoffnung, dass Gott ihn aus dieser elenden Gefangenschaft herausführen würde. „So Gott will, ein baldiges Wiedersehen“ – mit diesen Worten endeten viele seiner Briefe.
Schon während des Krieges hatte er geahnt, dass nach dessen Ende viele Mitläufer der braunen Diktatur wieder in ihre Ämter zurückkehren würden. Genau so kam es: Sie mogelten sich durch die Entnazifizierung und besetzten erneut ihre Posten. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit beschäftigte ihn sein ganzes Leben.
Doch mein Vater war keiner, der klagte. Die erfrorenen Zehen und die Schmerzen aus der russischen Kriegsgefangenschaft begleiteten ihn bis zu seinem Tod im Alter von 93 Jahren. Er musste Demütigungen ertragen, etwa das törichte Gerede eines Arztes beim Versorgungsamt in Würzburg. Zahlreiche Operationen überstand er mit bewundernswerter Stärke. Auch das war ein Zeichen dafür, wie sehr Krieg und Gefangenschaft ihn geprägt und zugleich widerstandsfähig gemacht hatten.


Er beließ es nie bei Worten, sondern handelte. Ehrenamt war für ihn gelebte Verantwortung – als langjähriger Vorsitzender der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), im Pfarrgemeinderat und als Kommunionhelfer.
Danke, Papa! Dieses politische und menschliche Vermächtnis möchte ich weitertragen. Es ist bis heute eine meiner Antriebsfedern. Deshalb werde ich auch künftig in Schulen und bei Vorträgen für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde eintreten.
Unsere eigenen Kinder haben wir weltoffen und werteorientiert erzogen. Und auch meine Journalistenkollegin Sarah Beham hat mir nach unserer gemeinsamen „Grenzlandfahrt“ Hoffnung gemacht. Sie schrieb mir:
„Ich werde die Werte, die du mir vermittelt und mit auf meinen Weg gegeben hast, weitertragen. Ich werde immer eine Verfechterin von Frieden, Freiheit und Demokratie sein. Deine Geschichte ist Motor und Mahnung zugleich. Ich bin so froh, ein Teil davon sein zu dürfen.“

Solche Worte bestärken mich. Sie zeigen, dass Erinnern nicht nur zurückblickt, sondern Zukunft gestaltet. Genau deshalb lohnt es sich, weiterzumachen.
