
Dieses Erinnerungsprojekt „Deckname Antenne“ wird mir in seiner Dynamik manchmal etwas unheimlich. Ein ufr Historiker hat sich bei mir gemeldet nachdem wir über meine Lesereise gesprochen haben. Er hält es für sehr bemerkenswert was da „losgetreten“ wurde. Er war zweimal in meinen Vorträgen, hat sie wie anschliessend zu lesen, analysiert. Seinen Namen möchte er in sozialen Netzwerken nicht lesen, aber ich darf seine Ansichten und Analysen veröffentlichen.
Danke. Ich bin sehr beeindruckt!
Vier Jahre „Deckname Antenne“
Charakterisierung und Würdigung einer außergewöhnlichen Lesereise
Teil I – Vom Buch zur Bewegung der Erinnerung
Je länger die Lesereise von Eberhard Schellenberger dauert, desto deutlicher wird, dass sie längst nicht mehr in erster Linie der Vorstellung eines Buches dient. Was im Herbst 2022 mit der Veröffentlichung von Deckname Antenne – Als Journalist im Visier der Stasi begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einem eigenständigen Projekt öffentlicher Erinnerungskultur entwickelt. Diese Entwicklung erfolgte weder planmäßig noch durch institutionelle Förderung. Vielmehr entstand sie aus der außergewöhnlichen Resonanz des Publikums und aus dem Bedürfnis vieler Menschen, Geschichte nicht nur nachzulesen, sondern durch einen unmittelbar Betroffenen erzählt zu bekommen.
Damit unterscheidet sich die Lesereise grundlegend von den meisten Autorenveranstaltungen. Üblicherweise begleiten Lesungen die Veröffentlichung eines Buches über wenige Monate. Danach nimmt das öffentliche Interesse naturgemäß ab. Bei Deckname Antenne verlief diese Entwicklung anders. Die Veranstaltungen wurden mit jeder neuen Einladung weniger Buchpräsentation und immer stärker öffentliche Geschichtsvermittlung. Heute steht vielfach nicht mehr das Buch im Mittelpunkt, sondern das Gespräch über Demokratie, Freiheit, Diktatur und die Verantwortung jedes Einzelnen.
Diese Veränderung ist bemerkenswert, weil sie nicht künstlich erzeugt wurde. Es gab keine groß angelegte Werbekampagne, keine spektakulären Medienereignisse und keine kurzfristigen politischen Anlässe, die den Erfolg hätten erklären können. Vielmehr entstand die Dynamik aus der Qualität der Veranstaltungen selbst. Wer eine Lesung besucht hatte, empfahl sie weiter. Veranstalter luden Schellenberger erneut ein oder empfahlen ihn anderen Einrichtungen. Auf diese Weise entwickelte sich über Jahre hinweg ein Netzwerk aus Bibliotheken, Volkshochschulen, Schulen, Kirchengemeinden, Kulturvereinen, Gedenkstätten und politischen Bildungsträgern.
Gerade diese organische Entwicklung macht den besonderen Charakter des Projekts aus. Seine Verbreitung erfolgte nicht von oben, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Das spricht für eine außergewöhnliche Glaubwürdigkeit und für ein Thema, das auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Dabei war das Buch lediglich der Ausgangspunkt. Bereits früh erkannte Schellenberger, dass viele historische Zusammenhänge erst durch Bilder, Originaldokumente und Hörbeispiele wirklich verständlich werden. Deshalb entwickelte er Schritt für Schritt ein eigenes Veranstaltungsformat. Historische Fotografien, Auszüge aus Stasi-Unterlagen, Originalbeiträge aus Hörfunk und Fernsehen sowie persönliche Erinnerungen ergänzen sich zu einer geschlossenen Erzählung. Das Publikum erlebt nicht nur einen Autor, sondern einen Zeitzeugen, der seine Geschichte anhand überprüfbarer Quellen nachvollziehbar macht.
Gerade diese Verbindung unterscheidet die Veranstaltungen von autobiografischen Vorträgen vieler anderer Zeitzeugen. Erinnerungen können mit der Zeit verblassen oder subjektiv gefärbt sein. Schellenberger begegnet diesem Einwand durch die konsequente Einbeziehung schriftlicher Dokumente der Staatssicherheit. Die Besucher erhalten dadurch die seltene Möglichkeit, persönliche Erinnerungen unmittelbar mit den Originalakten der Überwachungsbehörde zu vergleichen. Aus subjektiver Erfahrung wird überprüfbare Geschichte.
Hinzu kommt die journalistische Professionalität des Autors. Jahrzehntelang war Schellenberger als Reporter, Redakteur und Korrespondent tätig. Diese Erfahrung prägt Aufbau und Dramaturgie seiner Veranstaltungen. Er erzählt nicht episodisch oder anekdotisch, sondern ordnet persönliche Erlebnisse in größere politische Zusammenhänge ein. Dadurch entsteht ein Spannungsbogen, der weit über autobiografisches Erzählen hinausgeht. Persönliche Geschichte wird immer zugleich deutsche Zeitgeschichte.
Besonders bemerkenswert ist dabei die Perspektive. Die Mehrzahl bekannter Zeitzeugenberichte über die DDR stammt von ehemaligen Bürgerinnen und Bürgern der DDR selbst. Diese Berichte sind unverzichtbar, weil sie den Alltag und die Lebenswirklichkeit innerhalb der Diktatur schildern. Schellenberger ergänzt dieses Bild um einen anderen Blickwinkel. Er erzählt als westdeutscher Journalist, der aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit zum Beobachtungsobjekt der Staatssicherheit wurde.
Diese Perspektive ist historisch von erheblichem Interesse. Sie verdeutlicht, dass sich die Tätigkeit der Staatssicherheit keineswegs auf das Gebiet der DDR beschränkte. Das Ministerium für Staatssicherheit verstand sich vielmehr als weltweit operierende Nachrichtendienst- und Überwachungsorganisation. Auch Journalisten, Politiker, Wissenschaftler und Kirchenvertreter in der Bundesrepublik gerieten in ihr Blickfeld. Die Geschichte von Deckname Antenne macht diesen oft wenig beachteten Aspekt deutscher Nachkriegsgeschichte anhand eines konkreten Lebensweges nachvollziehbar.
Gerade dadurch erweitert das Projekt den Blick auf die Geschichte der deutschen Teilung. Es zeigt, dass die Grenze zwischen Ost und West nicht nur eine geografische oder politische Trennung darstellte. Sie war zugleich Schauplatz eines jahrzehntelangen Ringens um Information, Einfluss und öffentliche Meinung. Journalismus spielte dabei eine zentrale Rolle. Freie Berichterstattung war für demokratische Gesellschaften selbstverständlich, für die SED-Führung hingegen eine Bedrohung. Wer unabhängig berichtete, wurde beobachtet, eingeschätzt und – soweit möglich – beeinflusst.
Die Lesereise vermittelt diese Zusammenhänge nicht abstrakt, sondern anhand konkreter Erfahrungen. Dadurch wird Geschichte anschaulich. Das Publikum erfährt, wie Überwachung funktionierte, welche Sprache die Staatssicherheit verwendete und mit welcher Akribie sie Informationen sammelte. Viele Besucher berichten nach den Veranstaltungen, dass sie erst durch die Originalakten das tatsächliche Ausmaß der Überwachung verstanden hätten. Zahlen und Statistiken können diese Wirkung kaum entfalten. Erst die persönliche Geschichte macht die Dimension des Systems begreifbar.
Ein weiterer Grund für die anhaltende Resonanz liegt in der besonderen Form der Präsentation. Schellenberger verzichtet bewusst auf jede Form der Dramatisierung. Er überhöht seine eigene Biografie nicht und stilisiert sich nicht zum Helden. Vielmehr schildert er nüchtern, präzise und journalistisch, was geschah. Gerade diese Zurückhaltung verleiht seinen Aussagen Glaubwürdigkeit. Das Publikum gewinnt den Eindruck, keinem Redner zuzuhören, der beeindrucken möchte, sondern einem Journalisten, der sorgfältig recherchierte Tatsachen darlegt.
Diese Haltung prägt auch den Umgang mit der Geschichte der DDR insgesamt. Die Veranstaltungen vermeiden sowohl pauschale Verurteilungen als auch vereinfachende Schwarz-Weiß-Bilder. Sie machen deutlich, dass diktatorische Systeme nicht allein durch ihre Repressionsorgane bestehen, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel von Ideologie, Kontrolle, Anpassung und Angst. Gerade dadurch eröffnen sie einen differenzierten Zugang zur Geschichte der deutschen Teilung.
Mit zunehmender Dauer der Lesereise trat ein weiterer Aspekt immer stärker hervor. Die Veranstaltungen entwickelten sich zu Orten des Dialogs. Viele Besucher bringen eigene Erinnerungen mit, berichten von Familiengeschichten oder stellen Fragen, die weit über den Inhalt des Buches hinausreichen. Daraus entstehen Gespräche über Verantwortung, Freiheit, Zivilcourage und demokratische Kultur. In diesem Moment endet die Autorenlesung und beginnt politische Bildungsarbeit im besten Sinne des Wortes.
Diese Entwicklung dürfte einer der wichtigsten Gründe dafür sein, dass das Interesse an Deckname Antenne auch vier Jahre nach Erscheinen des Buches ungebrochen anhält. Während viele Bücher mit der Zeit in den Hintergrund treten, wächst hier die Bedeutung der persönlichen Begegnung. Das Werk lebt nicht allein zwischen zwei Buchdeckeln fort, sondern in den Gesprächen, Diskussionen und Fragen, die jede einzelne Veranstaltung neu hervorbringt.
Damit erfüllt die Lesereise eine Aufgabe, die in den kommenden Jahren immer wichtiger werden wird. Die Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verschwindet allmählich. Mit ihr gehen persönliche Erfahrungen verloren, die durch historische Forschung allein nicht ersetzt werden können. Gerade deshalb gewinnen authentische Berichte, die auf überprüfbaren Quellen beruhen und zugleich den Dialog mit jüngeren Generationen suchen, eine herausragende Bedeutung. Deckname Antenne ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.
Die Geschichte dieses Projekts ist deshalb nicht nur die Geschichte eines erfolgreichen Buches. Sie ist zugleich die Geschichte einer ungewöhnlichen Entwicklung: Aus einer autobiografischen Veröffentlichung entstand Schritt für Schritt ein dauerhaftes Forum historischer Erinnerung und demokratischer Bildung. Dieser Wandel geschah nicht zufällig, sondern weil Inhalt, Form und Persönlichkeit des Autors in seltener Weise zusammenfinden. Darin liegt die eigentliche Besonderheit der Lesereise – und vermutlich auch der Grund, weshalb sie heute weit über den Literaturbetrieb hinaus Beachtung findet.
Teil II – Zeitzeugenschaft, Journalismus und Erinnerungskultur
Um die Bedeutung der Lesereise angemessen einzuordnen, genügt es nicht, allein auf die Zahl der Veranstaltungen oder die Auflagen des Buches zu blicken. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Form der Zeitzeugenschaft hier sichtbar wird. Gerade darin nimmt Deckname Antenne innerhalb der deutschen Erinnerungskultur eine besondere Stellung ein.
Seit den 1990er-Jahren entwickelte sich die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur zu einem festen Bestandteil historischer Bildungsarbeit. Ehemalige politische Häftlinge, Bürgerrechtler, Fluchthelfer oder Opfer der Staatssicherheit berichten seit Jahrzehnten über ihre Erfahrungen. Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag dazu, die Geschichte der DDR aus persönlicher Perspektive nachvollziehbar zu machen.
Eberhard Schellenbergers Weg unterscheidet sich jedoch in wesentlichen Punkten von diesen bekannten Formen der Zeitzeugenschaft. Er war weder Bürger der DDR noch politischer Gefangener. Seine Biografie entwickelte sich in der Bundesrepublik Deutschland, in einem demokratischen Staat mit freier Presse und rechtsstaatlichen Strukturen. Gerade deshalb überrascht die Erkenntnis, dass auch ein westdeutscher Journalist über viele Jahre hinweg zum Objekt systematischer Beobachtung durch die Staatssicherheit werden konnte.
Diese Perspektive erweitert das öffentliche Verständnis der deutsch-deutschen Geschichte erheblich. Sie macht deutlich, dass die Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit keineswegs an den Grenzen der DDR endete. Vielmehr verstand sich die Behörde als Instrument einer weltweiten politischen Informationsbeschaffung und Einflussnahme. Die Bundesrepublik gehörte zu ihren wichtigsten Beobachtungsfeldern. Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer, Kirchenvertreter, Kulturschaffende und Journalisten gerieten in den Fokus der Überwachung. Dennoch sind persönliche Berichte westdeutscher Betroffener vergleichsweise selten.
Gerade deshalb besitzt Deckname Antenne einen eigenständigen dokumentarischen Wert. Die Geschichte zeigt, dass die deutsche Teilung nicht nur zwei Gesellschaftssysteme voneinander trennte, sondern zugleich vielfältige Berührungspunkte schuf. Die Grenze war nicht nur Sperranlage, sondern auch Kontaktzone, Informationsraum und Schauplatz nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Wer journalistisch über die DDR berichtete, bewegte sich zwangsläufig in diesem Spannungsfeld.
Schellenberger schildert diese Zusammenhänge nicht aus theoretischer Distanz, sondern auf der Grundlage eigener Erfahrungen. Dadurch erhält ein historisches Phänomen ein menschliches Gesicht. Besucherinnen und Besucher erkennen, dass politische Überwachung keine abstrakte Kategorie bleibt, sondern konkrete Menschen betrifft – mit ihren beruflichen Entscheidungen, ihren persönlichen Beziehungen und ihrem Alltag.
Bemerkenswert ist dabei die journalistische Herangehensweise. Viele autobiografische Zeitzeugenberichte leben vor allem von der emotionalen Kraft persönlicher Erinnerungen. Deckname Antenne ergänzt diese subjektive Ebene konsequent durch überprüfbare Dokumente. Originalakten, Berichte der Staatssicherheit und historische Quellen werden nicht als dekoratives Beiwerk eingesetzt, sondern bilden das Fundament der Erzählung. Dadurch entsteht eine außergewöhnliche Verbindung von persönlicher Erfahrung und historischer Dokumentation.
Diese Arbeitsweise entspricht in besonderer Weise journalistischen Grundprinzipien. Behauptungen werden belegt, Aussagen überprüft und Ereignisse in ihren historischen Zusammenhang eingeordnet. Die Präsentation verzichtet bewusst auf Effekthascherei. Stattdessen entwickelt sie ihre Wirkung aus der Genauigkeit der Quellen und aus der Glaubwürdigkeit des Erzählers.
Gerade hierin liegt eine der großen Stärken der Veranstaltungsreihe. Sie vermittelt Geschichte nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als nachvollziehbaren Prozess historischer Erkenntnis. Das Publikum erlebt, wie sich Erinnerungen und Dokumente gegenseitig ergänzen. Es wird sichtbar, dass historische Wahrheit weder allein aus Akten noch ausschließlich aus persönlichen Erinnerungen entsteht, sondern aus ihrem Zusammenspiel.
Diese Verbindung besitzt auch für die politische Bildung große Bedeutung. Historisches Lernen besteht nicht nur im Erwerb von Faktenwissen. Es verlangt ebenso die Fähigkeit, Quellen kritisch zu bewerten, unterschiedliche Perspektiven zu erkennen und historische Entwicklungen in größere Zusammenhänge einzuordnen. Genau dies geschieht während der Veranstaltungen in anschaulicher Form.
Dabei vermittelt Schellenberger keine fertigen Urteile. Vielmehr lädt er seine Zuhörerinnen und Zuhörer dazu ein, selbst Fragen zu stellen und eigene Schlüsse zu ziehen. Warum entstanden Diktaturen? Weshalb akzeptieren Menschen Überwachung? Welche Bedeutung besitzen Pressefreiheit und unabhängiger Journalismus? Wie lassen sich demokratische Werte dauerhaft schützen? Solche Fragen reichen weit über die Geschichte der DDR hinaus.
Gerade deshalb wirken die Veranstaltungen keineswegs rückwärtsgewandt. Sie beschäftigen sich zwar mit historischen Ereignissen, richten den Blick aber immer wieder auf die Gegenwart. Demokratie erscheint nicht als selbstverständlich gegebener Zustand, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Verantwortung. Freiheit muss geschützt, Rechtsstaatlichkeit verteidigt und Meinungsvielfalt erhalten werden. Die Geschichte der SED-Diktatur dient dabei als historische Erfahrung, nicht als moralische Belehrung.
In diesem Zusammenhang gewinnt auch Schellenbergers beruflicher Hintergrund besondere Bedeutung. Als Journalist war er über Jahrzehnte gewohnt, politische Entwicklungen kritisch zu beobachten und verständlich zu erklären. Diese Erfahrung prägt bis heute seine Vorträge. Er erläutert komplizierte historische Zusammenhänge in einer Sprache, die auch Menschen ohne besondere Vorkenntnisse verstehen können. Gerade dadurch gelingt es ihm, ein sehr unterschiedliches Publikum anzusprechen – von Schülerinnen und Schülern bis hin zu Historikern oder ehemaligen DDR-Bürgern.
Auffällig ist zudem die Ausgewogenheit seiner Darstellung. Trotz persönlicher Betroffenheit vermeidet Schellenberger jede Form pauschaler Verurteilung. Er unterscheidet konsequent zwischen der Diktatur der SED und den Menschen, die in diesem Staat lebten. Dadurch entsteht kein vereinfachendes Schwarz-Weiß-Bild, sondern ein differenziertes Verständnis historischer Wirklichkeit. Diese Haltung trägt wesentlich zur Glaubwürdigkeit der Veranstaltungen bei.
Ein weiterer Aspekt verdient besondere Beachtung. Die Lesereise macht deutlich, dass Erinnerungskultur weit mehr ist als das Gedenken an vergangene Ereignisse. Sie versteht Geschichte als gesellschaftlichen Auftrag. Erinnern bedeutet hier nicht, Vergangenes zu konservieren, sondern Erfahrungen für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Gerade in einer Zeit, in der demokratische Institutionen weltweit unter Druck geraten und autoritäre Denkweisen wieder an Einfluss gewinnen, erhalten historische Erfahrungen neue Aktualität.
Dies erklärt auch die große Resonanz bei Schulen. Viele Jugendliche besitzen keine persönlichen Bezüge mehr zur deutschen Teilung. Für sie liegen Mauerfall und Friedliche Revolution ähnlich weit zurück wie für frühere Generationen das Ende des Kaiserreichs oder die Weimarer Republik. Umso wichtiger werden authentische Begegnungen mit Menschen, die Geschichte selbst erlebt haben.
Schellenberger begegnet jungen Menschen dabei nicht als Mahner, sondern als Gesprächspartner. Er erzählt, erklärt und beantwortet Fragen. Gerade diese Offenheit schafft Vertrauen. Schülerinnen und Schüler erleben Geschichte nicht als Unterrichtsstoff, sondern als persönliche Erfahrung eines Menschen, dessen Lebensweg durch politische Systeme unmittelbar beeinflusst wurde. Solche Begegnungen bleiben häufig weit länger im Gedächtnis als Lehrbuchtexte oder Unterrichtseinheiten.
Auch aus kulturhistorischer Sicht besitzt das Projekt bemerkenswerte Qualitäten. Es verbindet Literatur, Journalismus, Geschichtswissenschaft, politische Bildung und multimediale Präsentation zu einer Form der Wissensvermittlung, die sich klassischen Kategorien entzieht. Weder handelt es sich ausschließlich um eine Autorenlesung noch um einen wissenschaftlichen Vortrag, eine Ausstellung oder ein Zeitzeugengespräch. Vielmehr entsteht aus diesen Elementen ein eigenes Format, das sich im Laufe der Jahre kontinuierlich weiterentwickelt hat.
Gerade diese Offenheit erklärt den nachhaltigen Erfolg. Die Veranstaltungen bleiben lebendig, weil sie sich ständig verändern. Neue Dokumente werden aufgenommen, aktuelle Entwicklungen fließen in die Diskussion ein, Fragen des Publikums verändern die Schwerpunkte. Dadurch bleibt jede Lesung einzigartig. Obwohl die Grundstruktur erhalten bleibt, gleicht keine Veranstaltung der anderen.
Rückblickend lässt sich feststellen, dass Deckname Antenne nicht nur ein persönliches Erinnerungsprojekt geblieben ist. Im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus ein wichtiger Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur. Das Projekt dokumentiert beispielhaft, wie individuelle Biografien historische Erkenntnisse vermitteln können und wie persönliche Erfahrungen dazu beitragen, demokratische Werte lebendig zu halten.
Damit erfüllt die Lesereise eine Aufgabe, deren Bedeutung in den kommenden Jahren weiter wachsen dürfte. Je weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch selbst berichten können, desto wertvoller werden jene Projekte, die persönliche Erinnerungen sorgfältig dokumentieren, historisch einordnen und für kommende Generationen bewahren. In diesem Sinne ist Deckname Antenne nicht nur Rückblick auf eine vergangene Epoche, sondern zugleich eine Investition in das historische Gedächtnis unserer Demokratie.

Teil III – Politische Bildungsarbeit, Schulen und die bleibende Wirkung eines Zeitzeugenprojekts
Im Verlauf der inzwischen fast vierjährigen Lesereise hat sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Während zu Beginn vor allem Leserinnen und Leser des Buches die Veranstaltungen besuchten, bilden heute Schulen, Bildungseinrichtungen und Gedenkstätten einen immer wichtigeren Schwerpunkt. Diese Entwicklung ist keineswegs zufällig. Sie spiegelt den Wandel der deutschen Erinnerungskultur wider. Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg unmittelbar erlebt hat, verschwindet nahezu vollständig aus dem öffentlichen Leben. Auch die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der deutschen Teilung nimmt von Jahr zu Jahr ab. Damit verändert sich die Art und Weise, wie Geschichte vermittelt werden kann. Persönliche Begegnungen werden seltener – und gerade deshalb kostbarer. In dieser Situation kommt Projekten wie Deckname Antenne eine besondere Verantwortung zu. Sie bewahren nicht nur Erinnerungen, sondern machen Geschichte unmittelbar erfahrbar. Wer Schellenberger zuhört, begegnet keinem Schauspieler und keinem professionellen Vortragsredner, sondern einem Menschen, dessen beruflicher Alltag Teil der deutsch-deutschen Geschichte geworden ist. Diese Authentizität lässt sich weder durch Filme noch durch digitale Medien vollständig ersetzen.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei Veranstaltungen mit Jugendlichen. Viele Schülerinnen und Schüler kennen die DDR lediglich aus dem Geschichtsunterricht. Für sie ist die deutsche Teilung ein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit. Begriffe wie Mauer, Staatssicherheit oder Friedliche Revolution sind häufig historische Fakten ohne persönliche Verbindung. Erst die Begegnung mit einem Zeitzeugen verändert diese Perspektive. Geschichte erhält ein Gesicht. Plötzlich steht ein Mensch vor ihnen, dessen Lebensweg durch politische Entscheidungen geprägt wurde. Aus Daten werden Erfahrungen, aus Jahreszahlen werden Schicksale, aus abstrakten Begriffen werden konkrete Lebensgeschichten. Dabei verzichtet Schellenberger bewusst auf jede Form pädagogischer Vereinfachung. Er traut seinem Publikum differenzierte Betrachtungen zu. Gerade Jugendliche reagieren darauf mit großer Aufmerksamkeit. Sie erleben, dass historische Zusammenhänge nicht schwarz oder weiß sind, sondern von politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Entscheidungen geprägt werden. Von besonderem Wert ist dabei die Offenheit der Gespräche. Nach nahezu jeder Veranstaltung entwickeln sich Diskussionen, die weit über den Inhalt des Buches hinausreichen. Schülerinnen und Schüler fragen nach Freiheit, nach Verantwortung, nach Mut und nach Zivilcourage. Sie interessieren sich dafür, wie sich Überwachung anfühlte, warum Menschen Spitzel wurden oder weshalb Diktaturen so lange Bestand haben konnten. Diese Fragen zeigen, dass die Veranstaltungen weit mehr bewirken als reine Wissensvermittlung. Sie regen zum Nachdenken über Gegenwart und Zukunft an. Gerade darin erfüllt politische Bildung ihren eigentlichen Auftrag.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Schellenberger den Dialog nie belehrend führt. Er erhebt nicht den moralischen Zeigefinger, sondern berichtet, erklärt und beantwortet Fragen. Diese Haltung schafft Vertrauen. Die Zuhörer fühlen sich ernst genommen und entwickeln eigene Urteile. Gerade diese Offenheit unterscheidet die Lesereise von manchem klassischen Zeitzeugenvortrag.
Ein weiterer Grund für den nachhaltigen Erfolg liegt in der besonderen Dramaturgie der Veranstaltungen. Sie folgen keiner starren Abfolge von Lesung und Diskussion. Vielmehr entsteht eine Erzählung, die unterschiedliche Medien miteinander verbindet.
Historische Fotografien machen die damalige Zeit sichtbar. Originalaufnahmen aus Hörfunk und Fernsehen vermitteln die Atmosphäre des Kalten Krieges. Karten, Dokumente und Aktenauszüge der Staatssicherheit erlauben einen Blick auf die Arbeitsweise eines Überwachungsapparates, dessen bürokratische Präzision bis heute erschüttert.
Diese unterschiedlichen Quellen ergänzen sich gegenseitig. Das Publikum hört, sieht und liest Geschichte zugleich. Dadurch entstehen Eindrücke, die weit nachhaltiger wirken als ein ausschließlich gesprochener Vortrag.
Gerade diese multimediale Gestaltung ist Ausdruck journalistischer Professionalität. Schellenberger nutzt Medien nicht als dekorative Effekte, sondern als historische Quellen. Jedes Bild, jeder Ton und jedes Dokument erfüllt eine Funktion innerhalb der Erzählung. Dadurch entwickelt die Präsentation eine Authentizität, die viele Besucher nachhaltig beeindruckt.
Hinzu kommt die besondere Sprache des Autors. Seine jahrzehntelange journalistische Tätigkeit hat ihn gelehrt, komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen. Historische Entwicklungen werden weder vereinfacht noch akademisch überhöht. Stattdessen gelingt es ihm, komplexe Zusammenhänge präzise und zugleich allgemeinverständlich zu erklären.
Gerade dadurch erreicht die Lesereise Menschen unterschiedlicher Generationen und Bildungsbiografien. Neben Historikern sitzen ehemalige DDR-Bürger, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Kommunalpolitiker oder Menschen, die die deutsche Teilung nur aus den Nachrichten kannten. Alle finden einen Zugang zu den Themen, weil sie auf unterschiedlichen Ebenen angesprochen werden.
Bemerkenswert ist darüber hinaus die Kontinuität, mit der Schellenberger seine Veranstaltungen weiterentwickelt. Anders als bei vielen Autorenlesungen blieb das Programm nicht über Jahre unverändert. Neue Erkenntnisse, zusätzliche Dokumente und aktuelle Bezüge flossen kontinuierlich ein. Dadurch entstand gewissermaßen ein „lebendes Archiv“. Jede Veranstaltung baut auf den Erfahrungen der vorherigen auf. Fragen aus dem Publikum führen zu neuen Recherchen, Hinweise zu weiteren Dokumenten, Gespräche zu neuen historischen Einordnungen. Die Lesereise selbst wurde Teil eines fortlaufenden Lernprozesses.
Nicht weniger bemerkenswert ist die geografische Reichweite des Projekts. Lesungen fanden nicht nur in Franken statt, sondern in zahlreichen Regionen Deutschlands. Bibliotheken, Volkshochschulen, Schulen, Kirchengemeinden, Gedenkstätten und kulturelle Einrichtungen luden Schellenberger immer wieder ein. Diese breite Resonanz zeigt, dass das Thema längst über regionale Erinnerung hinausgewachsen ist. Sie verweist zugleich auf eine gesellschaftliche Entwicklung. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand wächst offenbar das Bedürfnis nach authentischer Orientierung. Während die Generation der unmittelbaren Zeitzeugen kleiner wird, steigt das Interesse an persönlichen Erfahrungen, die historische Entwicklungen verständlich machen.
In diesem Zusammenhang besitzt Deckname Antenne eine doppelte Funktion. Das Projekt dokumentiert Vergangenheit und vermittelt zugleich demokratische Grundüberzeugungen. Es erinnert daran, dass Freiheit, Pressefreiheit und Menschenrechte keine Selbstverständlichkeiten sind. Sie müssen in jeder Generation neu verstanden und verteidigt werden. Gerade diese Verbindung von Geschichtsvermittlung und Demokratiebildung dürfte die eigentliche Stärke der Lesereise sein. Schellenberger spricht nicht nur über das Ende einer Diktatur. Er erklärt zugleich, warum Demokratien wachsam bleiben müssen. Dies geschieht ohne Alarmismus und ohne parteipolitische Zuspitzung. Vielmehr entwickelt sich aus der historischen Erfahrung eine allgemeine Haltung demokratischer Verantwortung. Freiheit erscheint nicht als Geschenk des Staates, sondern als gemeinsame Aufgabe seiner Bürgerinnen und Bürger. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht erfüllt die Lesereise damit eine Funktion, die weit über Literatur hinausreicht. Sie wird zu einem Ort gesellschaftlicher Selbstverständigung. Hier begegnen sich Geschichte und Gegenwart, persönliche Erinnerung und wissenschaftliche Erkenntnis, individuelle Erfahrung und demokratisches Lernen. Genau hierin liegt vermutlich der tiefere Grund für ihren anhaltenden Erfolg. Menschen besuchen diese Veranstaltungen nicht allein, um etwas über die Vergangenheit zu erfahren. Sie suchen Orientierung für die Gegenwart. Sie möchten verstehen, welche Bedeutung Freiheit besitzt, warum unabhängiger Journalismus unverzichtbar ist und weshalb autoritäre Systeme niemals nur historische Randerscheinungen bleiben. Rückblickend zeigt sich deshalb, dass Deckname Antenne eine Entwicklung genommen hat, die weit über die ursprüngliche Intention eines autobiografischen Buches hinausgeht. Die Lesereise ist zu einem festen Bestandteil politischer Bildungsarbeit geworden. Sie verbindet historische Genauigkeit mit persönlicher Glaubwürdigkeit und vermittelt demokratische Werte ohne Pathos. Damit erfüllt sie eine Aufgabe, die in einer offenen Gesellschaft kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie bewahrt Erinnerung nicht um der Vergangenheit willen, sondern im Dienst der Zukunft.
Teil IV – Ein eigener Platz in der deutschen Erinnerungskultur
Jede Generation entwickelt ihre eigene Form des Erinnerns. Unmittelbar nach historischen Umbrüchen stehen meist politische Aufarbeitung, juristische Klärung und wissenschaftliche Forschung im Vordergrund. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand verändert sich jedoch der Charakter der Erinnerung. Aus Zeitgeschichte wird Geschichte. Aus persönlicher Erfahrung wird kulturelles Gedächtnis. Genau an dieser Schwelle bewegt sich heute die Lesereise Deckname Antenne.
Mehr als 35 Jahre nach der Friedlichen Revolution ist die DDR für viele junge Menschen keine selbst erlebte Wirklichkeit mehr. Sie ist Gegenstand des Schulunterrichts, von Dokumentationen oder Museen. Dadurch wächst die Bedeutung jener Menschen, die historische Erfahrungen noch persönlich vermitteln können. Zeitzeugen sind heute nicht mehr nur Erzähler ihrer eigenen Geschichte. Sie werden zu Vermittlern zwischen den Generationen. Historiker weisen allerdings zugleich darauf hin, dass Zeitzeugenschaft persönliche Erinnerung und keine vollständige historische Analyse ersetzt. Gerade das Zusammenspiel von Forschung und authentischer Erfahrung macht Erinnerungskultur lebendig.
In Deutschland haben zahlreiche Persönlichkeiten die Erinnerung an die SED-Diktatur geprägt. Joachim Gauck gab als erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen der Aufarbeitung nach 1990 ein öffentliches Gesicht. Roland Jahn verbindet bis heute seine Biografie als DDR-Oppositioneller mit journalistischer Arbeit und dem Einsatz für die Offenlegung der Stasi-Unterlagen. Freya Klier berichtet seit Jahrzehnten in Schulen und öffentlichen Veranstaltungen über Verfolgung, Ausbürgerung und demokratische Verantwortung. Ihnen gemeinsam ist der Blick aus dem Inneren der DDR und der politischen Opposition gegen das SED-Regime.
Eberhard Schellenberger gehört nicht zu dieser Gruppe. Und gerade darin liegt seine Besonderheit.
Sein Ausgangspunkt ist weder die Bürgerrechtsbewegung noch die politische Opposition innerhalb der DDR. Er erzählt die Geschichte eines westdeutschen Journalisten, der durch seine berufliche Tätigkeit in das Blickfeld der Staatssicherheit geriet. Diese Perspektive ergänzt die bestehende Erinnerungskultur um einen Aspekt, der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig weniger präsent ist: die systematische Beobachtung und Ausforschung von Menschen in der Bundesrepublik.
Dadurch erweitert sich der Blick auf die Geschichte der Staatssicherheit. Sie erscheint nicht allein als Instrument der Unterdrückung innerhalb der DDR, sondern zugleich als Nachrichtendienst mit weitreichenden Aktivitäten über die innerdeutsche Grenze hinaus. Die Geschichte der deutschen Teilung wird damit nicht ausschließlich als ostdeutsche Geschichte erzählt, sondern als gemeinsame deutsch-deutsche Geschichte.
Gerade dieser Perspektivwechsel besitzt hohen historischen Wert. Er macht deutlich, dass die Folgen der deutschen Teilung beide deutschen Staaten betrafen – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Während Menschen in der DDR unter einem diktatorischen Herrschaftssystem lebten, versuchte die Staatssicherheit zugleich, Entwicklungen im Westen zu beobachten, zu beeinflussen und für ihre Zwecke auszuwerten. Schellenbergers Biografie veranschaulicht diese wenig bekannte Dimension anhand eines konkreten journalistischen Lebensweges.
Ein zweiter Unterschied betrifft die Form der Vermittlung.
Viele Zeitzeugengespräche beruhen vor allem auf dem gesprochenen Wort. Sie leben von der Authentizität des Erzählers und seiner persönlichen Erinnerung. Deckname Antenne geht darüber hinaus. Die Veranstaltungen verbinden autobiografische Erzählung, journalistisches Archivmaterial, historische Fotografien, Hörfunk- und Fernsehbeiträge sowie Originaldokumente der Staatssicherheit zu einer geschlossenen Gesamtdarstellung.
Diese Verbindung verschiedener Medien ist keine bloße Illustration. Sie besitzt methodische Bedeutung. Das Publikum hört nicht nur Erinnerungen, sondern sieht zugleich die Dokumente, auf die sich diese Erinnerungen beziehen. Dadurch entsteht ein ungewöhnlich hohes Maß an Nachvollziehbarkeit. Die Geschichte wird nicht nur erzählt – sie wird belegt.
Hier zeigt sich der Einfluss jahrzehntelanger journalistischer Arbeit. Recherche, Quellenkritik und Dokumentation prägen nicht nur das Buch, sondern auch die Form der öffentlichen Präsentation. Das unterscheidet Deckname Antenne von vielen anderen autobiografischen Vorträgen.
Hinzu kommt ein dritter Aspekt, der in seiner Gesamtheit bemerkenswert erscheint.
Die meisten Autoren begleiten ein neues Buch für einige Monate mit Lesungen. Anschließend endet die öffentliche Präsenz meist weitgehend. Bei Deckname Antenne entwickelte sich dagegen ein kontinuierliches Veranstaltungsprojekt. Über mehrere Jahre hinweg blieb die Nachfrage bestehen. Immer neue Veranstalter kamen hinzu. Schulen, Volkshochschulen, Kirchengemeinden, Bibliotheken, Demokratieinitiativen und Gedenkstätten machten die Lesereise zu einem festen Bestandteil ihrer Bildungsarbeit.
Gerade diese Kontinuität verdient Beachtung. Sie deutet darauf hin, dass hier nicht allein ein erfolgreiches Buch vorliegt, sondern ein Veranstaltungsformat entstanden ist, das ein dauerhaftes gesellschaftliches Bedürfnis erfüllt.
Auffällig ist außerdem die Offenheit des Projekts. Die Präsentation blieb niemals unverändert. Neue Dokumente, neue historische Erkenntnisse und aktuelle Fragestellungen wurden kontinuierlich aufgenommen. Dadurch entwickelte sich die Lesereise selbst weiter. Sie ist kein starres Programm, sondern ein lebendiger Prozess historischer Vermittlung.
Auch dies entspricht modernen Vorstellungen von Erinnerungskultur. Erinnern bedeutet heute nicht mehr ausschließlich das Bewahren historischer Fakten. Es bedeutet ebenso, Vergangenheit immer wieder neu zu befragen und mit den Fragen der Gegenwart ins Gespräch zu bringen. Demokratie lebt von dieser Auseinandersetzung. Roland Jahn hat diesen Gedanken mehrfach hervorgehoben: Aufarbeitung dient nicht der Vergangenheit allein, sondern der Stärkung demokratischen Bewusstseins in der Gegenwart.
In diesem Zusammenhang gewinnt auch die Rolle des Publikums besondere Bedeutung. Die Veranstaltungen enden nicht mit der letzten Folie oder dem letzten Kapitel des Buches. Sie setzen sich im Gespräch fort. Besucher berichten von eigenen Erfahrungen, stellen kritische Fragen oder schildern familiäre Erinnerungen. Dadurch entsteht ein Austausch, der weit über klassische Autorenlesungen hinausgeht. Das Publikum wird vom Zuhörer zum Gesprächspartner.
Gerade dieser Dialog dürfte einer der wichtigsten Gründe für die außergewöhnliche Resonanz sein. Erinnerung wird hier nicht konsumiert, sondern gemeinsam gestaltet.
Deshalb erscheint es angemessen, Deckname Antenne weniger als literarisches Projekt denn als einen dauerhaften Beitrag zur demokratischen Erinnerungskultur zu verstehen. Sein Wert liegt nicht allein im Buch, sondern in der Summe von Buch, Zeitzeugenschaft, journalistischer Einordnung, Originalquellen und persönlicher Begegnung.
Es wäre dennoch unangemessen, das Projekt vorschnell als einzigartig zu bezeichnen. Deutschland verfügt über eine vielfältige Landschaft von Gedenkstätten, Zeitzeugeninitiativen und Bildungsprojekten, die seit Jahrzehnten Herausragendes leisten. Wohl aber lässt sich feststellen, dass die spezifische Kombination der Elemente – westdeutsche Journalistenbiografie, dokumentierte Stasi-Überwachung, journalistisches Archivmaterial und eine über Jahre kontinuierlich entwickelte multimediale Veranstaltungsreihe – innerhalb der deutschen Erinnerungskultur eine ungewöhnliche und eigenständige Form darstellt.
Gerade darin liegt die eigentliche Leistung von Deckname Antenne. Das Projekt beansprucht keinen exklusiven Platz in der Geschichte der Aufarbeitung. Es ergänzt bestehende Formen der Erinnerung um eine Perspektive, die bisher vergleichsweise selten öffentlich vermittelt wurde. Damit erweitert es das Verständnis der deutschen Teilung und leistet einen eigenständigen Beitrag zur historischen Selbstverständigung unseres Landes.

