
Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht erst erklärt werden muss. Man steht dort – und spürt, dass dieser Boden eine besondere Geschichte erzählt. Point Alpha in der hessisch-thüringischen Rhön ist für mich genau ein solcher Ort.
Am 3. Dezember 2026 um 18.30 Uhr werde ich dort aus meinem Buch „Deckname Antenne – Als Journalist im Visier der Stasi“ lesen. Die Lesung findet im „Haus auf der Grenze“ der Gedenkstätte Point Alpha statt. Der Eintritt ist frei.
Ich bin stolz darauf, mit meiner Lesung an diesem historischen Ort zu Gast sein zu dürfen. Und ich freue mich ganz besonders darüber, dass damit ein Wunsch in Erfüllung geht, den ich schon länger hatte: „Deckname Antenne“ dort zu erzählen, wo die deutsche Teilung, der Kalte Krieg und die unmittelbare Konfrontation zwischen Ost und West jahrzehntelang Realität waren.
Ein Ort, an dem Ost und West unmittelbar aufeinandertrafen. Damit setze ich „Lesen an Originalschausplätzen“ fort. Mit dem KAB- Bildungswerk war ich u.a. im Atombunker der ehemaligen Bundeswehrkaserne in Mellrichstadt – in den auch mein Buch führt. Und eine Lesewanderung am 35. Jahrestag der Deutschen Einheit führte ausgebucht rund um den ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen- Meiningen.
Point Alpha liegt mitten in der Rhön, unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Rasdorf in Hessen und Geisa in Thüringen. Bis 1990 standen sich hier die Grenztruppen der DDR und amerikanische Soldaten direkt gegenüber. Der amerikanische Beobachtungsposten „Observation Post Alpha“ war einer der wichtigsten US-Beobachtungsstützpunkte in Europa und lag an einem strategisch besonders wichtigen Abschnitt des sogenannten Fulda Gap. Die NATO befürchtete hier im Falle eines militärischen Konflikts einen möglichen Vorstoß der Warschauer-Pakt-Streitkräfte in Richtung Westen. Point Alpha galt deshalb als einer der „heißesten“ Orte des Kalten Krieges.

Nur wenige Meter entfernt verlief die schwer gesicherte Grenze der DDR. Heute ist auf dem Gelände noch sichtbar, wie massiv diese Grenze ausgebaut war. Teile der Grenzanlagen sind rekonstruiert beziehungsweise erhalten geblieben. Zwischen dem ehemaligen US-Camp und dem „Haus auf der Grenze“ führt der Rundgang über einen Abschnitt der ehemaligen Grenze und macht die Dimension der deutschen Teilung unmittelbar erfahrbar.




Für mich bekommt meine Geschichte an diesem Ort deshalb eine zusätzliche Dimension.
In „Deckname Antenne“ erzähle ich von meinen Erfahrungen als Journalist, von meiner Berichterstattung über die DDR und die innerdeutsche Grenze, von der Überwachung durch die Staatssicherheit und von den Ereignissen, die schließlich zur Friedlichen Revolution, zum Mauerfall und zur deutschen Wiedervereinigung führten.
Jetzt darf ich diese Geschichte an einem Originalschauplatz der deutschen Teilung erzählen.
Das ist für mich mehr als eine weitere Station meiner Lesereise.
Geschichte dort erzählen, wo sie passiert ist
Seit dem Beginn meiner Lesereise mit „Deckname Antenne“ habe ich immer wieder erlebt, wie intensiv Geschichte wird, wenn sie nicht nur aus Büchern vermittelt wird. Deshalb sind mir die Lesungen an historischen Orten besonders wichtig.
Point Alpha ist dafür geradezu prädestiniert.
Das „Haus auf der Grenze“ steht unmittelbar auf dem ehemaligen Kolonnenweg. Heute befinden sich dort Ausstellungen über die DDR-Staatsgrenze im Kalten Krieg, das Leben der Menschen an der Grenze und die Folgen der deutschen Teilung. Der Ort ist damit zugleich Gedenkstätte, Lernort und authentischer Schauplatz.
Ich werde dort nicht nur aus meinem Buch lesen. Meine multimediale Lesung verbindet persönliche Erinnerungen mit historischen Dokumenten, Bildern, Film- und Tondokumenten. Es geht um eine Zeit, die für viele Menschen meiner Generation noch eigene Lebensgeschichte ist, für jüngere Menschen aber immer weiter zurückliegt.
Gerade deshalb möchte ich die Erinnerungen weitergeben.
Denn wer heute an Point Alpha steht, sieht eine Grenze, die es nicht mehr gibt. Aber man kann dort noch nachvollziehen, wie real diese Grenze einmal war – und wie unvorstellbar es für viele Menschen gewesen sein muss, dass sie eines Tages tatsächlich fallen würde.
Die Lesereise geht weiter – an Originalschauplätzen
Die Lesung in Point Alpha ist für mich deshalb auch ein wichtiger Schritt in der Weiterentwicklung meines Erinnerungsprojekts.
Ich möchte „Deckname Antenne“ künftig noch stärker dort erzählen, wo die Geschichte tatsächlich stattgefunden hat.
Für 2027 habe ich deshalb bereits einen weiteren besonderen Ort im Blick: Mödlareuth.
Das kleine Dorf an der heutigen Grenze zwischen Bayern und Thüringen wurde während der deutschen Teilung international als „Little Berlin“ bekannt. Der Grund: Die innerdeutsche Grenze verlief mitten durch das Dorf. Über Jahrzehnte waren die beiden Ortsteile durch Mauer, Stacheldraht und Grenzanlagen voneinander getrennt. Ein legaler Übergang von einem Ortsteil in den anderen war über 37 Jahre nicht möglich.
Mödlareuth ist damit einer der eindrucksvollsten Orte, um die deutsche Teilung zu verstehen.
Heute befindet sich dort das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth, eine Gedenkstätte zur deutschen Teilung. Teile der originalen Betonsperrmauer und weitere Grenzanlagen sind erhalten geblieben. Das Museum dokumentiert die Geschichte des geteilten Dorfes, das Leben der Menschen an der Grenze, Fluchtversuche, das Grenzregime der DDR und schließlich die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung.
Für mich schließt sich damit ein Kreis. Ich habe die Zeit der deutschen Teilung als Journalist erlebt und darüber berichtet. Ich habe die Überwachung durch die Staatssicherheit selbst erfahren. Und heute, Jahrzehnte später, kann ich an den Originalschauplätzen darüber erzählen. Das empfinde ich als großes Glück. Und auch als Verpflichtung.
Denn die Erinnerung an die deutsche Teilung, an die Diktatur der SED, an die Menschen, die unter der Grenze gelitten haben, und an den Mut derjenigen, die 1989 für Freiheit und Demokratie auf die Straße gingen, darf nicht verschwinden.

Am 3. Dezember 2026 in Point Alpha möchte ich deshalb im „Haus auf der Grenze“ nicht nur zurückblicken. Ich möchte Geschichte dort lebendig werden lassen, wo sie stattgefunden hat.
Der Eintritt zur Lesung ist frei.
Anmeldung erwünscht unter: 06651/919030 oder per Mail veranstaltungen@pointalpha.com
