Der besondere Abend am EU- Mittelpunkt

Als ich die Einladung zur Lesung am EU-Mittelpunkt in Gadheim erhielt, musste ich nicht lange überlegen. Ich bin glühender Europäer. Deshalb konnte es für mich kaum einen passenderen Ort geben, um über mein Buch „Deckname Antenne“, über die deutsche Teilung und über die Bedeutung von Frieden, Demokratie und Freiheit zu sprechen.
Schon als ich am Abend die Besucherinnen und Besucher zwischen der Blühwiese und dem Mittelpunkt-Stein sah, spürte ich, dass dieser Ort eine besondere Atmosphäre ausstrahlt. Die Blühwiese mit ihrer Vielfalt erinnerte mich an das, was Europa ausmacht: unterschiedliche Menschen, Kulturen und Traditionen, die dennoch gemeinsam eine starke Gemeinschaft bilden.
In meinem Buch erzähle ich von einer Zeit, die viele heute nur noch aus dem Geschichtsunterricht kennen. Als junger Journalist reiste ich immer wieder in die DDR. Damals ahnte ich nicht, dass ich längst im Visier der Staatssicherheit stand. Unter dem Decknamen „Antenne“ wurden meine Reisen, Telefongespräche, Rundfunkberichte und Begegnungen dokumentiert. Als ich nach der Wiedervereinigung meine Akten einsehen konnte, lagen mehr als 400 Seiten vor mir.
Dennoch habe ich mich nie als Opfer gefühlt. Mir ist wichtig zu zeigen, wie ein Überwachungsstaat funktioniert und wie selbstverständlich Menschen damals beobachtet wurden. Es geht mir nicht um Abrechnung oder Schuldzuweisungen. Mehr als 35 Jahre nach dem Ende der DDR möchte ich vor allem aufklären und die Erinnerung wachhalten.
Besonders gern erzähle ich von den Monaten vor dem Mauerfall. Durch meine Arbeit durfte ich erleben, wie sich die Stimmung in der DDR veränderte. Die Friedensgebete wurden voller, immer mehr Menschen fanden den Mut, auf die Straße zu gehen, und aus vielen Städten erklang der Ruf: „Wir sind das Volk.“ Ich empfinde es bis heute als großes Glück, diese historischen Ereignisse als Reporter begleitet zu haben.
Die Nacht der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 werde ich niemals vergessen. Am Grenzübergang Eußenhausen–Meiningen durfte ich live für den Bayerischen Rundfunk berichten. Tausende Menschen lagen sich in den Armen, lachten, weinten und feierten gemeinsam. Es war die bewegendste Reportage meines gesamten Berufslebens. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.
Leider hat meine Botschaft seit dem russischen Angriff auf die Ukraine noch einmal an Aktualität gewonnen. Als ich das Manuskript meines Buches Anfang 2022 fertigstellte, konnte ich nicht ahnen, dass wenige Wochen später wieder Krieg nach Europa zurückkehren würde. Deshalb sage ich bei jeder Lesung: Geschichte kann kippen. Frieden, Demokratie und Freiheit sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie müssen immer wieder neu verteidigt werden.


Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Besucher nach der Lesung noch das Gespräch suchten. Gerade junge Menschen stellen oft Fragen, die zeigen, wie wichtig es ist, über diese Zeit zu sprechen. Wenn meine Erinnerungen dazu beitragen, Geschichte verständlich zu machen und das Bewusstsein für demokratische Werte zu stärken, dann haben die vielen Lesungen ihren Sinn erfüllt.
Besonders bewegt hat mich die Überraschung der Veranstalterinnen. Dass sie anstelle eines Honorars eine Spende an die Point Alpha Stiftung ankündigten, war für mich ein starkes Zeichen. Die Erinnerung an die deutsche Teilung lebendig zu halten, ist heute wichtiger denn je.
Und dann gab es plötzlich eine internationale Note an diesem Abend:

Überrascht wurde ich von Diana und Jeffrey aus Kalifornien. Sie waren auf Urlaubsreise und kamen mit ihrem Wohnmobil vorbei um den EU- Mittelpunkt zu sehen. Erst dachten sie wir bereiten eine Hochzeit vor, und dann waren sie sehr interessiert an meinem Projekt. Dass Diana mein Buch ins Englische übersetzen möchte, hat mich sehr gefreut. Es zeigt mir, dass die Geschichte der Friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung weit über Deutschland hinaus Interesse weckt und Menschen bewegt. Die demokratische Gesinnung der beiden US- Amerikaner war deutlich zu spüren, die Verzweiflung über den aktuellen US- Präsidenten auch.
Und mit dem Fahrrad kam die Holländerin Hanneke aus der Nähe von Rotterdam vorbei. Sie begleitet gerade einen Familienangehörigen, der mit einer Krebstherapie seit zwei Monaten erfolgreich in der Würzburger Uniklinik behandelt wird. Hanneke setzte sich in die Runde und hörte fasziniert zu, nahm auch ein Buch mit zur Vertiefung.
Als sich der Abend dem Ende näherte, versank die Sonne langsam hinter den Hügeln rund um Gadheim. Ihr warmes Licht legte sich über den EU-Mittelpunkt, die Blühwiese und die Menschen, die noch lange miteinander im Gespräch blieben. Nach einem Abend, an dem wir über Diktatur, Überwachung und Krieg gesprochen hatten, empfand ich diesen Sonnenuntergang als ein stilles Zeichen der Hoffnung. Er erinnerte mich daran, dass nach dunklen Zeiten wieder Licht entstehen kann – wenn Menschen den Mut haben, für Frieden, Freiheit und Demokratie einzustehen. Mit genau dieser Hoffnung bin ich an diesem Abend nach Hause gefahren.

Fotos: Dieter Gürz/Jürgen Goj