Der Bombenplaner

Während meiner Lesereise durch Süddeutschland erlebe ich immer wieder unerwartete und bewegende Begegnungen. Viele Besucher der Veranstaltungen sind ehemalige DDR-Bürger, die aus persönlichem Interesse erfahren möchten, wie ein westdeutscher Journalist auf die Geschichte der deutschen Teilung, die Grenzregionen und die Zeit des Kalten Krieges blickt. Die Gespräche nach den Lesungen sind oft offen, respektvoll und von gegenseitigem Interesse geprägt. Dass meine Schilderungen und Recherchen bei den Zuhörern auf große Zustimmung und positive Resonanz stoßen, empfinde ich als große Bestätigung meiner Arbeit.
Eine Begegnung im Allgäu ragt jedoch aus allen anderen heraus. Nach einer Lesung trat ein älterer Mann an mich heran und stellte sich namentlich vor. Er berichtete, dass er früher bei der Bundeswehr im Allgäu stationiert gewesen sei, einer Region, in der mehrere Fluggeschwader der Luftwaffe beheimatet sind. Zunächst schien es sich um ein gewöhnliches Gespräch zu handeln, doch schon bald nahm die Unterhaltung eine unerwartete Wendung.
Der Mann erzählte, dass er die Karten aus der Rhön wiedererkannt habe, die ich während meines Vortrags gezeigt hatte. Diese Karten stammten aus einem ehemaligen Verschlussraum der Bundeswehrkaserne in Mellrichstadt und gehörten einst zu geheimen militärischen Unterlagen. Der ehemalige Soldat erklärte, dass er die Karten deshalb so gut kenne, weil er selbst an ihrer Erstellung beziehungsweise Nutzung beteiligt gewesen sei. Genauer gesagt habe er jene Einsatz- und Bombardierungspläne ausgearbeitet, die im Falle eines militärischen Konflikts zwischen Ost und West zur Anwendung gekommen wären.
Seine Aufgabe bestand darin, Ziele für Bundeswehrflugzeuge festzulegen, falls Truppen des Warschauer Pakts die innerdeutsche Grenze in der Rhön oder im Grabfeld überschritten hätten. Die vorgesehenen Luftangriffe sollten den Vormarsch der gegnerischen Streitkräfte aufhalten oder zumindest verlangsamen. Dazu wären Bomben auf Gebiete gefallen, die sich „zwischen den Linien“ befanden. Betroffen gewesen wären Regionen rund um Meiningen, Hildburghausen, Römhild und Bad Königshofen – also Landschaften und Orte, die heute friedlich sind und deren Bewohner sich kaum vorstellen können, vor nicht einmal knapp 40 Jahren Teil solcher konkreter Verteidigungsplanungen gewesen zu sein.
Für mich war diese Aussage zutiefst erschütternd. Die Geschichte des Kalten Krieges, über die ich recherchiert und geschrieben habe, erhielt in diesem Moment eine ganz neue, unmittelbare Dimension. Was bislang vor allem in Akten, Karten und Dokumenten festgehalten war, stand plötzlich in Gestalt eines Menschen vor mir, der selbst an diesen Planungen beteiligt gewesen war. Die nüchternen Linien auf den Karten verwandelten sich in Gedanken an mögliche Zerstörung, Leid und menschliche Schicksale.
Besonders bedrückend war für mich die Erkenntnis, dass all dies keineswegs einer fernen Vergangenheit angehörte. Die entsprechenden Pläne waren noch 1989 aktuell gewesen. Wäre es tatsächlich zu einer militärischen Eskalation gekommen, hätten Bomben nicht nur auf militärische Ziele, sondern auch in bewohnte Regionen fallen können. Die Menschen auf beiden Seiten der Grenze wären unmittelbar von den Folgen betroffen gewesen.
Die Begegnung machte mir erneut bewusst, wie real die Kriegsgefahr während der Zeit der deutschen Teilung gewesen war und wie knapp Europa möglicherweise einer Katastrophe entgangen ist. Angesichts dieser persönlichen und unerwarteten Offenbarung fehlten mir die Worte. Ich war fast sprachlos – bewegt von der Vorstellung, dass die friedlichen Landschaften der Rhön und des Grabfelds um 1989/1990 Schauplatz eines verheerenden Krieges hätten werden können. Diese Begegnung gehört deshalb zu den eindrucksvollsten und nachdenklichsten Momenten meiner bisherigen Lesereise.