Der Überraschungsbesuch

Wenn bei meinen Lesungen plötzlich Menschen aus meinem eigenen Leben auftauchen, wird „Deckname Antenne“ für mich zu einer ganz persönlichen Reise in die Vergangenheit.
So war es jetzt bei meiner Lesung in der Würzburger Pfarrei St. Adalbero. Zu meiner großen Überraschung saß dort Schwester Konradine, Ordensschwester der Ritaschwestern. Die heute 90-Jährige war vor 60 Jahren meine Präfektin im Internat Kilianeum in Bad Königshofen – nur wenige Kilometer von der damaligen DDR-Grenze entfernt.


Diese Grenze war für uns keine ferne politische Linie. Im Krankenhaus neben unserem Internat wurden immer wieder verletzte DDR-Flüchtlinge behandelt – Menschen, die bei ihrem Fluchtversuch beispielsweise eine Mine ausgelöst hatten. Schon als Kind spürte ich deshalb, dass diese Grenze nicht nur Deutschland teilte, sondern über Freiheit, Gefangenschaft, Hoffnung und manchmal auch über Leben und Tod entschied.
Schwester Konradine brachte mir als Zehnjährigem ganz praktische Dinge fürs Leben bei: wie man ordentlich ein Bett macht, einen Schrank aufräumt und mit Peddigrohr Körbe flechtet. Vielleicht hat sie mir damals aber noch etwas viel Wichtigeres mitgegeben: Verlässlichkeit, Sorgfalt und das Gefühl, dass jemand auf mich achtet.
Den Kontakt zu ihr habe ich über all die Jahrzehnte hinweg nie verloren. Viele Jahre wirkte sie während der Amtszeit von Bischof Friedhelm Hofmann im Würzburger Bischofshaus.
Und nun saß sie plötzlich bei meiner multimedialen Lesung in St. Adalbero, hörte aufmerksam zu und war ganz offensichtlich stolz auf „ihren Ebi“. Für einen Moment begegneten sich der zehnjährige Internatsschüler von damals und der Mann, der heute von der deutschen Teilung, der Stasi und dem unschätzbaren Wert der Freiheit erzählt.
Was für eine wunderschöne Überraschung! Solche Begegnungen machen meine Lesereise zu weit mehr als einer Reihe von Veranstaltungen. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart – und erinnern mich daran, wie viele Menschen ihre Spuren in meinem Leben hinterlassen haben.
Danke, liebe Schwester Konradine, für Ihr Kommen, für Ihre Treue über sechs Jahrzehnte und für alles, was Sie mir schon als Kind mitgegeben haben!

Lesung in der Pfarrei St. Adalbero