Die Veränderung

Vier Jahre Lesereise „Deckname Antenne“. 163 Lesungen in Bayern, Thüringen, Baden-Württemberg, Hessen und Berlin, rund 12.000 Gäste, darunter etwa 8.000 junge Menschen an Schulen. Wenn ich diese Zahlen heute so hinschreibe, kann ich es manchmal selbst kaum glauben. Als wir das Buch im September 2022 in Würzburg zum ersten Mal öffentlich vorgestellt haben, hatte ich keine Vorstellung davon, was daraus entstehen würde. Natürlich hoffte ich, dass sich Menschen für meine Erinnerungen an die Jahre als BR-Grenzreporter und für meine Stasi-Akte interessieren würden. Aber dass ich vier Jahre später immer noch unterwegs sein würde und aus einer Buchvorstellung eine solche Lesereise entstehen könnte, damit hatte ich nicht gerechnet.

Dabei ist „Lesereise“ eigentlich längst nicht mehr der richtige Begriff. Ich lese nur noch wenig aus dem Buch. Ich erzähle. Ich zeige Bilder aus meiner Zeit an der innerdeutschen Grenze, spiele alte Radioaufnahmen ein, zeige Fernsehberichte und nehme die Menschen mit zurück in eine Zeit, in der Deutschland geteilt war und mitten durch unser Land eine Grenze verlief, an der Menschen ihr Leben verloren. Ich erzähle von meinem journalistischen Alltag, von Begegnungen diesseits und jenseits der Grenze, von der Staatssicherheit, die mich beobachtete und unter dem Decknamen „Antenne“ eine umfangreiche Akte über mich anlegte, aber auch von den unglaublichen Tagen und Wochen des Herbstes 1989, als plötzlich Wirklichkeit wurde, was wir uns über Jahrzehnte kaum vorstellen konnten.

Vielleicht liegt genau darin ein Grund dafür, dass diese Veranstaltungen bis heute funktionieren. Es ist keine allgemeine deutsch-deutsche Geschichtsstunde und soll auch keine sein. Es sind persönliche Erlebnisse, verbunden mit Bildern, Stimmen und Geräuschen einer vergangenen Zeit. Geschichte bekommt Gesichter. Und manchmal merke ich während einer Lesung, wie still es plötzlich im Raum wird. Das sind für mich oft die stärksten Augenblicke, weil ich spüre, dass eine Geschichte angekommen ist.
Besonders wichtig sind mir inzwischen die Schulen geworden. Rund 8.000 junge Menschen habe ich dort erreicht. Für Schülerinnen und Schüler von heute ist die deutsche Teilung weit weg. Selbst ihre Eltern haben den Mauerfall häufig nur als Kinder erlebt oder sind erst danach geboren worden. Und trotzdem erlebe ich immer wieder ein erstaunliches Interesse. Sie fragen nach dem Leben in der DDR, nach Fluchtversuchen, nach der Stasi, nach der Grenze und danach, warum Menschen ein solches System so lange ertragen haben. Sie wollen wissen, wie es sich für mich als Journalist angefühlt hat, beobachtet zu werden, und natürlich kommt irgendwann die Frage, ob ich damals eigentlich Angst hatte. Aus solchen Fragen entstehen Gespräche, und manchmal gehen sie weit über das hinaus, was ursprünglich für die Veranstaltung vorgesehen war.

Gerade deshalb fahre ich so gerne in Schulen. Ich möchte jungen Menschen nicht erklären, was sie denken sollen. Ich möchte ihnen erzählen, was ich erlebt habe, und sie selbst ihre Schlüsse daraus ziehen lassen. Wenn dabei deutlich wird, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind, dann hat sich die Fahrt gelohnt. Vielleicht ist das inzwischen sogar der wichtigste Teil dieser ganzen Lesereise.

Aber „Deckname Antenne“ lebt nicht nur von den großen Veranstaltungen. Natürlich bleiben besondere Abende in Erinnerung, volle Säle, Veranstaltungen in Berlin oder im Würzburger Rathaus und manche Lesung an einem geschichtsträchtigen Ort. Genauso wichtig waren aber die kleinen Büchereien, Gemeindehäuser, Kirchen und Schulen. Manchmal saßen hundert oder mehrere hundert Menschen vor mir, manchmal waren es deutlich weniger. Entscheidend war nie die Zahl. Entscheidend war, was zwischen den Menschen und mir entstand.

Nach vielen Veranstaltungen kamen Besucher zu mir und erzählten ihre eigene Geschichte. Menschen aus der ehemaligen DDR berichteten von ihrem Leben, von Anpassung, Angst, kleinen Freiheiten und großen Hoffnungen. Andere erzählten von Verwandten auf der anderen Seite der Grenze oder von Besuchen, die nur unter schwierigen Bedingungen möglich waren. Wieder andere sagten mir, dass sie an diesem Abend zum ersten Mal verstanden hätten, was die deutsche Teilung für die Menschen tatsächlich bedeutet hat. Solche Gespräche sind für mich mindestens genauso wichtig geworden wie die eigentliche Veranstaltung.

Und natürlich ist diese Reise nicht allein mein Verdienst. Ohne die vielen Menschen, die mich eingeladen, Veranstaltungen organisiert, Räume besorgt, Technik aufgebaut, Plakate aufgehängt und Werbung gemacht haben, wäre sie niemals möglich gewesen. Ohne Lehrerinnen und Lehrer, die sagen: Das wollen wir unseren Schülerinnen und Schülern ermöglichen, hätte ich niemals so viele junge Menschen erreicht. Ohne die mediale Begleitung durch frühere Kolleginnen und Kollegen in Fernsehen, Radio, Zeitungen und im Netz wäre „Deckname Antenne“ nicht so bekannt geworden. Und ohne einen Verlag, der vor Jahren zu mir sagte, ich solle diese Geschichte aufschreiben, gäbe es weder das Buch noch diese Lesereise.

Deshalb empfinde ich nach vier Jahren vor allem Dankbarkeit. Ich freue mich über die 163 Lesungen, über die inzwischen fünf Auflagen des Buches und natürlich über 12.000 Menschen, die gekommen sind. Aber ich habe längst aufgehört, nur Veranstaltungen zu zählen. Viel wichtiger sind mir die Begegnungen geworden. Ein Gespräch nach einer Lesung, eine Mail einige Tage später, die Reaktion einer Schulklasse oder ein junger Mensch, der am Ende noch sitzen bleibt, weil er unbedingt eine Frage stellen möchte, bleiben länger im Gedächtnis als jede Statistik.

In diesen vier Jahren hat sich auch mein eigener Blick auf „Deckname Antenne“ verändert. Am Anfang war es vor allem mein Erinnerungsbuch. Ich wollte festhalten, was ich als Journalist an der innerdeutschen Grenze erlebt hatte, bevor diese Geschichten irgendwann verloren gehen. Inzwischen merke ich, dass diese Erinnerungen immer stärker in unsere Gegenwart hineinreichen. Wenn wir heute darüber diskutieren, wie stabil unsere Demokratie ist, warum Menschen sich von ihr abwenden und warum Freiheit plötzlich wieder verteidigt werden muss, dann denke ich oft an das zurück, was ich an der Grenze erlebt habe. Ich habe einen Staat unmittelbar vor Augen gehabt, der seinen Bürgerinnen und Bürgern elementare Freiheiten verweigerte. Ich habe erlebt, wie eine scheinbar für die Ewigkeit gebaute Grenze innerhalb weniger Monate ihre Bedeutung verlor, weil Menschen ihre Angst überwanden und Freiheit einforderten.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich nach vier Jahren noch immer nicht das Gefühl habe, dass es jetzt genug ist. Im Gegenteil. Die Gespräche werden politischer, die Fragen aktueller und die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart deutlicher. Vor allem bei jungen Menschen möchte ich weiter erzählen, solange Schulen mich einladen und solange ich das Gefühl habe, sie damit erreichen zu können.

Als ich 2020 nach 42 Jahren beim Bayerischen Rundfunk in den Ruhestand ging, dachte ich, ein großes Kapitel meines Lebens sei abgeschlossen. Das war es auch. Ich wusste nur nicht, dass ein neues schon vor der Tür stand. „Deckname Antenne“ hat mir noch einmal eine Aufgabe gegeben, mit der ich niemals gerechnet hätte. Ich darf das, was ich erlebt habe, weitergeben. Nicht mehr als Reporter, der über das aktuelle Geschehen berichtet, sondern als Zeitzeuge, der von einer Zeit erzählen kann, die für eine neue Generation bereits Geschichte ist.

Deshalb sind die 163 Lesungen für mich keine Schlussbilanz. Sie sind eine Zwischenbilanz. Nach vier Jahren darf ich zurückschauen und mich darüber freuen, was aus diesem Buch geworden ist. Und dann packe ich meine Bilder, Töne und Videos wieder zusammen und fahre zum nächsten Ort.

Ich weiß nicht, wie viele Lesungen noch kommen werden. Das ist auch gar nicht entscheidend. Solange Menschen zuhören wollen, solange junge Leute Fragen stellen und solange ich merke, dass diese Geschichten etwas auslösen, werde ich weitererzählen.
Nach vier Jahren bleibt deshalb vor allem ein großes Dankeschön an alle, die ein Stück dieses Weges mitgegangen sind.
Es war und ist eine unvergessliche Zeit.
Und sie geht weiter.

Die bis feststehenden öffentlichen Termine ab Herbst:
www.deckname-antenne.de/termine