
Hey Ebbe, gibts für Dich noch was Anderes als „Deckname Antenne“ gerade in Deinem Leben?
Diese Frage wird mir gerade öfters gestellt.
Na klar. Mein Leben besteht aus sehr viel mehr als nur aus diesem einen Thema. Da sind meine Familie, meine Freundinnen und Freunde, meine Heimat, meine Liebe zu Franken, zum Wein, zur Musik, zur Kultur, zu meinem „Weltmusikchor“, zu Begegnungen und Gesprächen.
Aber ich will auch ehrlich sein: „Deckname Antenne“ und alles, was damit verbunden ist, sind für mich nicht irgendein Projekt, das ich irgendwann einmal begonnen habe und nun eben weiterführe. Es ist mir existenziell wichtig.
Diese Geschichte gehört zu meinem Leben. Ich habe viele Jahre als junger Reporter an der innerdeutschen Grenze gearbeitet. Ich habe erlebt, was es bedeutete, wenn ein Land geteilt war, wenn Menschen nicht frei reisen konnten, wenn Familien voneinander getrennt wurden, wenn Fluchtversuche tödlich enden konnten und wenn ein Staat seine Bürger überwachte und einschüchterte. Später habe ich erfahren, dass auch ich selbst im Visier der Staatssicherheit stand. All das ist keine gelesene Geschichte für mich. Es ist ein Teil meiner Biografie.
Als ich in den Ruhestand ging, hätte ich diese Akten, Bilder und Erinnerungen auch in einen Schrank legen können. Ich hätte sagen können: Das war mein Berufsleben, jetzt beginnt etwas anderes. Aber ich habe gespürt, dass diese Erfahrungen noch eine Aufgabe in sich tragen. Dass sie nicht nur mir gehören. Dass ich sie weitergeben muss, solange ich dazu in der Lage bin.
Gerade die Begegnungen mit jungen Menschen zeigen mir immer wieder, warum das so wichtig ist. Viele können sich kaum vorstellen, dass es mitten in Deutschland eine nahezu unüberwindbare Grenze gab, mit Minen, Stacheldraht, Selbstschussanlagen, Wachtürmen und einem Todesstreifen. Sie hören zu, stellen Fragen, sind erschrocken, berührt und manchmal auch fassungslos. In diesen Momenten merke ich: Die Geschichte erreicht sie. Sie wird lebendig. Und vielleicht entsteht daraus ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Freiheit, Demokratie und Menschenwürde keine Selbstverständlichkeiten sind.
Darum geht es mir. Nicht um mich, nicht um Nostalgie und auch nicht darum, ständig in der Vergangenheit zu leben. Es geht mir darum, aus der Vergangenheit heraus über die Gegenwart und die Zukunft zu sprechen. Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Menschenrechte eingeschränkt werden? Wie beginnt Unfreiheit? Wie verändert sich Sprache? Wie werden Feindbilder geschaffen? Was passiert, wenn Gleichgültigkeit, Angst oder Hass die Oberhand gewinnen? Und was kann jeder Einzelne tun, damit Demokratie lebendig bleibt?
Das ist der Grund, warum dieses Thema bei mir so viel Raum einnimmt. Es berührt den Kern dessen, was ich in meinem Leben erlebt, gelernt und als Journalist immer vertreten habe. Es verbindet meine persönliche Geschichte mit einer gesellschaftlichen Aufgabe. Und ich empfinde es als großes Geschenk, dass ich nach meinem Berufsleben noch einmal etwas tun darf, das Menschen erreicht und vielleicht sogar etwas in ihnen bewegt.
Natürlich weiß ich, dass man auch aufpassen muss, sich nicht nur über ein einziges Projekt zu definieren. Und ich will auch offen bleiben für andere Themen, Begegnungen und neue Wege. Aber dieses Projekt gibt mir Sinn, Kraft und Richtung. Es fordert mich, hält mich geistig wach und bringt mich mit Menschen aller Generationen zusammen.
Deshalb lautet meine ehrliche Antwort: Nein, es gibt für mich nicht nur dieses eine Thema. Aber dieses eine Thema ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens geworden. Vielleicht sogar die Aufgabe, in der vieles zusammenkommt: mein Beruf, meine Erfahrungen, meine Überzeugungen, meine Dankbarkeit für die Freiheit und mein Wunsch, etwas davon an andere weiterzugeben.
Und solange ich spüre, dass Menschen zuhören, dass junge Leute Fragen stellen und dass diese Geschichten etwas auslösen, werde ich weitermachen. Nicht, weil ich an der Vergangenheit festhalte, sondern weil mir unsere gemeinsame Zukunft am Herzen liegt.
