Fahrt an die ehemalige Grenze!

Mein Appell an junge Menschen: Schaut hin, fragt nach – und begreift, wie kostbar Freiheit ist
Bei meinen Schulbesuchen mit „Deckname Antenne“ möchte ich Geschichte lebendig machen. Ich erzähle von der deutschen Teilung, von persönlichen Begegnungen und von einem Staat, der seine Bürger überwachte und ihnen grundlegende Freiheiten vorenthielt. Aber ich möchte auch etwas anstoßen, das über meine Lesung hinausreicht.
Fahrt an die ehemalige innerdeutsche Grenze!


Zum Beispiel an die Grenze zwischen Unterfranken und Südthüringen. Fahrt mit Euren Eltern und Großeltern, mit Geschwistern, Freundinnen und Freunden. Und sehr gerne auch mit Eurer Schulklasse.
Schaut Euch die Orte an, an denen Deutschland geteilt war. Geht dorthin, wo Zäune standen, wo Soldaten Menschen beobachteten und wo schon der Versuch, in die Freiheit zu gelangen, lebensgefährlich sein konnte.

Eine Grenze des Unrechts – mitten in Deutschland
Heute fahren wir von Bayern nach Thüringen, ohne darüber nachzudenken. Wir besuchen Freunde, gehen wandern, fahren zur Arbeit oder machen einen Ausflug. Kein Schlagbaum hält uns auf.
Doch diese Selbstverständlichkeit ist ein historisches Geschenk.
Die DDR-Grenzanlagen hinderten Menschen daran, ihr Land frei zu verlassen. Familien wurden getrennt, Nachbarschaften auseinandergerissen und vertraute Wege versperrt. Wer aus der DDR fliehen wollte, musste mit Verfolgung, Gefängnis und tödlicher Gewalt rechnen. Zum Grenzregime gehörten die unter dem Begriff „Schießbefehl“ zusammengefassten Anweisungen und Bestimmungen zum Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge. Mitten in Deutschland.
Wenn Ihr vor einem solchen Zaun steht, stellt Euch einen Augenblick lang vor: Auf der anderen Seite wohnt ein Mensch, den Ihr liebt. Ihr könnt vielleicht sein Dorf sehen. Aber Ihr dürft nicht einfach hinübergehen.Dann bekommt das Wort Freiheit eine andere Bedeutung.

Behrungen und Rappershausen: Die Teilung von beiden Seiten sehen
Ein besonders anschauliches Ziel ist das Deutsch-deutsche Freilandmuseum bei Behrungen und Rappershausen. Hier sind ein ehemaliger DDR-Wachturm, erhaltene und restaurierte Teile der Sperrzäune sowie frühere militärische Fahrwege zu sehen.
Auf der bayerischen Seite erinnern eine frühere Grenzinformationsstelle und ein Aussichtsturm daran, wie Menschen aus dem Westen damals nach „drüben“ blickten. So lässt sich die Teilung aus beiden Perspektiven betrachten.
Dass diese Zeugnisse erhalten geblieben sind, verdanken wir wesentlich dem Engagement der Familie Erhard. Sie hat Grenzrelikte gesichert und restauriert und damit Orte geschaffen, an denen Geschichte vermittelt werden kann.
Auf der Schanz: Wo heute wieder Begegnung möglich ist
Am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen–Meiningen, zwischen Eußenhausen und Henneberg, steht auf der Schanz noch ein Wachturm. Auf bayerischer Seite wurden im Wald Teile der früheren Grenzanlage wieder aufgebaut. Erhaltene Relikte und Rekonstruktionen helfen hier, sich die damaligen Verhältnisse vorzustellen.
Heute können wir dort stehen, miteinander sprechen und weitergehen. Gerade diese Freiheit macht den Ort bewegend: Was für uns ein Ausflug ist, war früher für andere eine unüberwindbare Grenze.

Lesung an Originalschauplätzen: In der ehemaligen Hainbergkaserne, jetzt Dokuzentrum

Mellrichstadt: Im Atombunker wird die Bedrohung greifbar
Zum Besuch der ehemaligen Grenze gehört für mich auch das Dokumentationszentrum Hainbergkaserne in Mellrichstadt. Unter dem Titel „Eine Grenzgarnison im Kalten Krieg“ macht es deutlich, wie sehr die Teilung auch das Leben auf der westlichen Seite prägte.
Im früheren Stabsgebäude des Panzergrenadierbataillons 352 sind unter anderem das Kommandeurszimmer, eine Mannschaftsstube, Ausstellungen zur innerdeutschen Grenze und zur militärischen Ausrüstung zu sehen. Besonders eindrücklich sind der original erhaltene Atombunker, die ABC-Schleuse und der Verschlusssachenraum, kurz VS-Raum, in dem geheime Unterlagen bearbeitet und verwahrt wurden.
Ein solcher Schutzraum zeigt, wie konkret die Vorbereitung auf einen möglichen Krieg war. Die Angst vor einer atomaren Auseinandersetzung gehörte zur Wirklichkeit jener Zeit. Wer diese Räume betrachtet, kann erahnen, welche Bedrohung über dem Alltag der Menschen lag.
Getragen wird das Dokumentationszentrum vom Kameradschafts- und Freundeskreis der Garnison Mellrichstadt. Ehrenamtliche Museumsführer, darunter Zeitzeugen, erklären die historischen Zusammenhänge. Auch Sonderführungen für Schulklassen sind nach Vereinbarung möglich.
Gerade die Verbindung aus einem Besuch an den Grenzanlagen und einem Rundgang durch die Hainbergkaserne eröffnet einen größeren Blick: auf die Unfreiheit in der DDR und auf die militärische Konfrontation, die unsere gesamte Region prägte.


Hermannsfeld: Aus einem Grenzturm wird ein Lernort
Auch der ehemalige Grenzturm auf dem Dachsberg bei Hermannsfeld gehört zu diesen wichtigen Erinnerungsorten.
Die Grenzturminitiative der Gemeinde Rhönblick mit Bürgermeister Christoph Friedrich zeigt, wie aus einem Bauwerk der Überwachung ein Ort des Lernens werden kann. Die Gemeinde hat den Turm saniert und als Grenzmuseum zugänglich gemacht. Auf mehreren Ebenen lässt sich die Geschichte der ehemaligen Grenze entdecken. Im früheren Bunker vermitteln historische Filme aus dem Kreisarchiv Eindrücke von Grenzöffnung und Wiedervereinigung. Auch eine einfache Übernachtungsmöglichkeit für Wanderer und Radfahrer wurde geschaffen.
Ich halte solche Initiativen für außerordentlich wichtig. Sie bewahren mehr als Beton und Mauern. Sie bewahren die Möglichkeit, Fragen zu stellen: Was geschah hier? Wer musste hier Dienst leisten? Wer lebte in der Nähe? Wer wollte fliehen? Und was hat die Öffnung dieser Grenze für die Menschen verändert?

Sarah Beham und Eberhard Schellenberger besuchten bei ihrer Grenzreise auch Bürgermeister Friedrich und den sanierten Grenzturm

Gompertshausen, Schweickershausen und Berkach: Spuren eines Systems
Weitere Zeugnisse finden sich im Grabfeld. In Gompertshausen sind ein Grenzturm mit Führungsbunker, historische Ausrüstung und Teile des Grenzsignal- und Sperrzaunes erhalten. Bei Schweickershausen lassen sich Zaunanlage, Kfz-Sperrgraben mit originalen Betonplatten, Kolonnenweg und die Lage des Spurensicherungsstreifens nachvollziehen. In Berkach steht ein original erhaltener Beobachtungsturm. Für Führungen und Innenbesichtigungen gelten unterschiedliche Möglichkeiten; eine vorherige Absprache ist deshalb sinnvoll.
An solchen Orten wird sichtbar, wie aufwendig die DDR die Grenze ausbaute. Erst das Zusammenspiel aus Überwachung, Hindernissen und militärischen Wegen macht ihre Funktion begreifbar: Menschen am Verlassen ihres Landes zu hindern.

Point Alpha: Die Grenze und der Kalte Krieg
Ein weiteres eindrucksvolles Ziel liegt an der hessisch-thüringischen Grenze zwischen Rasdorf und Geisa: die Gedenkstätte Point Alpha.
Der frühere amerikanische Beobachtungsstützpunkt, DDR-Grenzrelikte und rekonstruierte Sperranlagen zeigen hier sowohl die deutsche Teilung als auch die Konfrontation der Machtblöcke im Kalten Krieg. Im „Haus auf der Grenze“ vertiefen Ausstellungen die Geschichte. Der „Weg der Hoffnung“ erinnert mit Skulpturen an den Widerstand gegen kommunistische Diktaturen.
Für junge Menschen ist das eine Gelegenheit, Zusammenhänge zu verstehen: Die Grenze verlief durch unsere Landschaft und durch das Leben einzelner Familien. Zugleich war sie Teil einer weltpolitischen Auseinandersetzung.


Vom Todesstreifen zum Grünen Band
Die ehemalige innerdeutsche Grenze erstreckte sich über rund 1.400 Kilometer: von der Ostsee bis zum Dreiländereck Bayern–Sachsen–Tschechien bei Hof. Heute folgt ihr das Grüne Band, ein bedeutender Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Der frühere Kolonnenweg ist vielerorts noch erhalten, allerdings nicht als durchgehend unveränderter Weg über die gesamte Strecke.
Wo früher Trennung und Bedrohung herrschten, können wir heute gemeinsam unterwegs sein. Diese Veränderung berührt mich. Sie zeigt, was möglich wird, wenn Menschen Freiheit gewinnen und Grenzen ihre abschreckende Macht verlieren.

Nehmt Eure Fragen mit
Mein Wunsch an Euch ist deshalb: Schaut Euch diese Orte an. Nehmt Euch Zeit. Nutzt eine Führung und hört Menschen zu, die die Teilung erlebt haben.
Fragt Eure Eltern und Großeltern: Wie habt Ihr die Grenze erlebt? Hattet Ihr Verwandte auf der anderen Seite? Was habt Ihr im Herbst 1989 gefühlt?
Vielleicht beginnt dabei ein Gespräch, das Ihr bisher noch nie miteinander geführt habt.
Ich wünsche mir, dass Ihr von einem solchen Besuch mit einem Gedanken zurückkommt: Freiheit ist kostbar. Menschenwürde ist unantastbar. Und Demokratie braucht Menschen, die für sie einstehen.
Deshalb erzähle ich meine Geschichte. Deshalb besuche ich Eure Schulen. Und deshalb bitte ich Euch:
Fahrt an die ehemalige Grenze. Schaut hin. Fragt nach. Und nehmt die Freiheit, in der Ihr heute lebt, niemals als selbstverständlich hin.

Gemeinsam mit Sarah Beham auf „Grenzreise in die Vergangenheit“