Freiheit, die ich meine

SOMMER 2022 – SOMMER 2026
Vier Jahre unterwegs mit „Deckname Antenne“


Als ich mein Buch über meine Erinnerungen an meine Reisen in die DDD, an meine Stasi-Überwachung, an die Revolutionsjahre 1989 und 1990 schrieb, glaubte ich, ein Kapitel meines Lebens abzuschließen. Ich wollte die Geschichte eines jungen Menschen erzählen, der eine Diktatur in der Nachbarschaft erlebt hat. Einer Zeit, in der Freiheit kein selbstverständliches Recht war, sondern ein unerfüllter Traum. Einer Zeit, in der Menschen überwacht wurden, in der Misstrauen zum Alltag gehörte und in der die Stasi versuchte, Gedanken, Hoffnungen und sogar Freundschaften zu kontrollieren.
Ich wollte erzählen, wie es sich anfühlt, wenn der Staat über das eigene Leben bestimmt. Wie sich Bespitzelung anfühlt. Wie es ist, Jahre später die eigene Stasiakte in den Händen zu halten und schwarz auf weiß zu lesen, wie akribisch das eigene Leben dokumentiert wurde. Wie Menschen gegeneinander ausgespielt wurden.

Vor allem aber wollte ich erzählen, dass selbst das mächtigste Unterdrückungssystem nicht stärker sein kann als die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit.
1989 geschah etwas, das viele für unmöglich gehalten hatten.
Es waren keine Panzer, keine Waffen und keine Gewalt, die die Geschichte veränderten. Es waren Menschen. Menschen, die den Mut fanden, ihre Angst zu überwinden. Menschen, die Kerzen statt Steine trugen. Menschen, die trotz aller Drohungen auf die Straßen gingen und „Wir sind das Volk“ riefen.
Es war die Friedliche Revolution.
Ein Wunder, das nicht vom Himmel fiel, sondern von Millionen mutiger Menschen getragen wurde.

Und schließlich kam die Wiedervereinigung.
Für viele bedeutete sie mehr als die Öffnung einer Grenze. Sie bedeutete Hoffnung. Sie bedeutete Würde. Sie bedeutete die Gewissheit, dass Freiheit stärker sein kann als Unterdrückung.
Als ich mein Buch schrieb, war ich überzeugt, diese Erinnerungen für kommende Generationen festzuhalten. Ich dachte, die Leser würden darin Geschichte entdecken. Vielleicht würden sie staunen. Vielleicht würden sie sich fragen, wie so etwas überhaupt möglich war.
Ich glaubte, mein Buch würde von einer Zeit erzählen, die endgültig vorbei ist.

Heute weiß ich, dass Geschichte niemals wirklich vorbei ist.
Sie verändert nur ihre Gestalt.
Plötzlich lesen Menschen mein Buch nicht mehr nur als Erinnerung.
Sie lesen es als Warnung.
Denn vieles, was wir längst überwunden glaubten, kehrt in anderer Form zurück.
Europa, das nach Jahrzehnten der Teilung zusammengewachsen war, erlebt wieder neue Grenzen – nicht immer aus Beton, aber oft in den Köpfen der Menschen.
Krieg ist nach Europa zurückgekehrt.
Millionen Menschen verlieren erneut ihre Heimat. Familien werden auseinandergerissen. Städte werden zerstört. Kinder wachsen wieder mit Sirenen statt mit Kinderliedern auf.
Und gleichzeitig erleben wir, wie Demokratien unter Druck geraten.
Populismus gewinnt an Kraft.
Extremismus wird lauter.
Hass wird salonfähig.
Desinformation verbreitet sich schneller als Wahrheit.

Viele Menschen verlieren das Vertrauen in demokratische Institutionen.
Manchmal frage ich mich, ob wir vergessen haben, wie zerbrechlich Freiheit wirklich ist.
Denn Freiheit stirbt selten an einem einzigen Tag.
Sie verschwindet leise.
Sie geht verloren, wenn Menschen schweigen.
Wenn Gleichgültigkeit stärker wird als Verantwortung.
Wenn Angst größer wird als Mut.
Wenn wir glauben, Demokratie sei selbstverständlich.
Doch Demokratie ist niemals selbstverständlich.
Sie ist vielleicht die größte kulturelle Leistung der Menschheit.
Aber sie ist gleichzeitig auch ihre verletzlichste.
Demokratie lebt nicht von Gesetzen allein.
Sie lebt von Menschen.
Von Menschen, die widersprechen.
Von Menschen, die zuhören.
Von Menschen, die andere Meinungen aushalten.
Von Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Freiheit ist kein Besitz.
Sie ist eine tägliche Entscheidung.
Sie muss immer wieder neu verteidigt werden.
Nicht nur gegen Diktaturen.
Sondern auch gegen Bequemlichkeit.
Gegen Gleichgültigkeit.
Gegen Hass.

Seit vier Jahren bin ich mit meinem Buch auf Lesereise.
In Schulen.
Bibliotheken.
Kirchengemeinden.
Kulturhäusern.
Vereinen.

Über 10 000 Menschen habe ich bei über 160 Lesungen bisher direkt erreicht. Darunter 7000 junge Leute an Schulen.
Und überall begegne ich Menschen, die mir zeigen, warum diese Reise so wichtig geworden ist.
Junge Menschen, die sagen:
„So habe ich Geschichte noch nie verstanden.“
Ältere Menschen, die nach der Lesung Tränen in den Augen haben und erzählen, dass sie vieles selbst erlebt haben.
Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen.
Menschen, die beginnen, Fragen zu stellen.
Genau darin liegt für mich die größte Hoffnung.
Denn Demokratie beginnt nicht in Parlamenten.
Sie beginnt im Gespräch.
Sie beginnt dort, wo Menschen bereit sind zuzuhören.
Wo Erfahrungen weitergegeben werden.
Wo Erinnerungen lebendig bleiben.
Deshalb wird meine Lesereise nun auch in ihr fünftes Jahr gehen.
Nicht, weil ich immer wieder dieselbe Geschichte erzählen möchte.
Sondern weil ihre Botschaft heute wichtiger ist als jemals zuvor.

Meine Erinnerungen gehören zwar der Vergangenheit.
Ihre Bedeutung aber gehört der Gegenwart.
Vielleicht sogar noch mehr der Zukunft.
Denn jede Generation glaubt, Freiheit sei selbstverständlich – bis sie merkt, dass sie es nicht ist.
Jede Generation steht irgendwann vor der gleichen Entscheidung:
Schauen wir weg oder stehen wir auf?
1989 haben Millionen Menschen diese Frage beantwortet.
Sie haben gezeigt, dass Mut ansteckend sein kann.
Dass Hoffnung stärker sein kann als Angst.
Dass Wahrheit mächtiger sein kann als Propaganda.
Dass eine Kerze manchmal mehr verändern kann als eine Waffe.

Ich wünsche mir, dass mein Buch, meine multimedialen Lesungen genau daran erinnern.
Nicht aus Nostalgie.
Nicht aus Sentimentalität.
Sondern weil Erinnerung Verantwortung bedeutet.
Wer seine Geschichte kennt, erkennt Gefahren früher.
Wer weiß, wie Freiheit verloren gehen kann, wird sie entschlossener schützen.
Und wer erlebt hat, dass Mauern fallen können, verliert niemals den Glauben daran, dass Veränderungen möglich sind.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft meines Buches:
Freiheit ist kein Geschenk der Geschichte. Sie ist der Auftrag jeder Generation.
Und deshalb werde ich auch im fünften Jahr meiner Lesereise nicht müde, diese Geschichte zu erzählen. Nicht, weil sie meine Geschichte ist. Sondern weil sie längst unsere gemeinsame Geschichte geworden ist. Denn der Kampf um Freiheit, Menschenwürde und Demokratie endet nie. Er beginnt jeden Tag neu – mit jedem von uns.
Meine nächsten Stationen:
www.deckname-antenne.de/termine