
Vor 65 Jahren begann die Teilung aus Beton, Draht und Minen
Meine Erinnerungen an die innerdeutsche Grenze zwischen Unterfranken und Südthüringen
Am 13. August 1961 begann in Berlin der Bau der Mauer. Doch die deutsche Teilung bestand nicht nur aus der Mauer durch Berlin. Gleichzeitig wurde eine Grenze quer durch Deutschland immer weiter abgeriegelt – fast 1.400 Kilometer von der Ostsee bis nach Bayern. Mitten durch Landschaften, die über Jahrhunderte zusammengehört hatten, mitten durch Dörfer, Familien und Nachbarschaften. Auch zwischen Unterfranken und Südthüringen entstand eine nahezu unüberwindliche Grenze mit Metallgitterzäunen, Wachtürmen, Minenfeldern und später Selbstschussanlagen.
Für mich ist diese Geschichte keine Geschichte aus dem Lehrbuch. Sie begleitet mich seit meiner Kindheit.
Als Kind zum ersten Mal „am Zaun“
Dass es zwei deutsche Staaten gab und die Grenze gar nicht weit von meiner Heimat entfernt verlief, begriff ich richtig, als ich mit elf Jahren ins Internat Kilianeum nach Bad Königshofen kam. Nur wenige Kilometer entfernt begann die DDR.
Mit der Schulklasse standen wir zum ersten Mal „am Zaun“. Uns wurde eingeschärft, den weiß-blauen Grenzpfahl und erst recht den dahinterstehenden DDR-Pfahl mit Hammer und Zirkel nicht zu überschreiten. Ein Mann vom Bundesgrenzschutz erklärte uns die Anlagen. Auf der anderen Seite erschienen DDR-Grenzsoldaten und beobachteten uns durch ihre Ferngläser.
Für einen Jungen war das schwer zu begreifen: Da drüben war Deutschland. Die Menschen sprachen dieselbe Sprache. Und trotzdem durfte man nicht hinüber.
Ganz in der Nähe lag das Krankenhaus von Bad Königshofen. Dort hörten wir Geschichten von DDR-Flüchtlingen, die bei ihrer Flucht auf Minen getreten waren und schwer verletzt noch westdeutsches Gebiet erreicht hatten. Auch Rehe und Hasen lösten immer wieder Minenexplosionen aus. Plötzlich waren Stacheldraht und Minen nicht mehr abstrakte Begriffe.
Auch bei unseren Familienausflügen in die Rhön begegnete uns diese Grenze. In der Gegend um Hilders endete plötzlich eine Straße. Eine Schranke versperrte die Weiterfahrt. Wir Kinder schoben neugierig ein Bein unter der Schranke hindurch und riefen: „Ich war in der DDR!“ Unsere Eltern fanden das verständlicherweise weniger lustig.
Damals konnte niemand ahnen, dass diese Grenze später zu einem wichtigen Teil meines journalistischen Lebens werden würde.
Aus dem neugierigen Jungen wurde der Grenzreporter
Nach meinem Volontariat beim Haßfurter Tagblatt und dem Wechsel zum Bayerischen Rundfunk führte mich meine journalistische Arbeit immer wieder genau dorthin zurück.
Ende der 1970er und in den 1980er Jahren wurde die innerdeutsche Grenze zwischen Unterfranken und Südthüringen für mich zu einem regelmäßigen Arbeitsplatz. Ich berichtete aus Rhön-Grabfeld und den Haßbergen, aus Trappstadt und Breitensee, vom Grenzübergang Eußenhausen–Meiningen und von vielen anderen Orten entlang dieser scheinbar undurchdringlichen Linie.
Dabei wurde mir immer deutlicher, wie gefährlich die Lage im Kalten Krieg tatsächlich war. Bei amerikanischen Manövern sah ich Tausende Soldaten und Fahrzeuge. Straßen waren für den Ernstfall vorbereitet worden. Was wir als Kinder für Kanaldeckel gehalten hatten, gehörte teilweise zu Anlagen, mit denen Verkehrswege gesprengt werden konnten, um einen Vormarsch feindlicher Panzer aufzuhalten.
Unsere Heimat hätte im Falle eines militärischen Konflikts zwischen NATO und Warschauer Pakt innerhalb kürzester Zeit zum Kriegsschauplatz werden können.
Radio überwand die Grenze
Eine besondere Bedeutung hatte unsere regionale BR-Sendung „Welle Mainfranken“. Sie war nicht nur für die Menschen in Unterfranken bestimmt. Wir wussten, dass uns auch viele Menschen jenseits der Grenze in Südthüringen hörten – bis hinauf zum Rennsteig.
Das Radio konnte etwas, was Menschen damals nicht konnten: die Grenze überwinden.
Während Straßen, Bahnlinien und persönliche Verbindungen durchschnitten waren, gingen unsere Radiowellen einfach darüber hinweg. Wir berichteten über die unmittelbare Nachbarschaft der Menschen in Meiningen, Hildburghausen oder Suhl – über eine Region, die ihnen geografisch ganz nahe und politisch unerreichbar war.

Eine Livesendung direkt vom Minenräumen
Besonders eindrücklich ist mir eine Livesendung 1984 bei Trappstadt geblieben. Die DDR begann damals, Minen zu räumen und Selbstschussanlagen abzubauen. Wir beschlossen, unsere Mittagssendung direkt von der Grenze zu übertragen.
Auf DDR-Seite arbeiteten spezielle Räumpanzer. Minen wurden aus dem Boden geholt. DDR-Grenzsoldaten beobachteten uns mit Ferngläsern und fotografierten die Vorbereitungen für unsere Sendung.
Ich war als junger Reporter ziemlich aufgeregt. Kurz vor Beginn unserer Livesendung geschah dann etwas Merkwürdiges: Die Räumpanzer verschwanden. Stattdessen kamen plötzlich Traktoren einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft und pflügten vor unseren Augen einen Acker.
Also begrüßte ich in der Sendung die Hörerinnen und Hörer in Ost und West – und bedankte mich etwas spitz auch bei der LPG für ihre „landwirtschaftlichen Vorführungen“.
Kaum war unsere Sendung vorbei, verschwanden die Traktoren.
Die Minenräumpanzer kamen zurück.
Später erfuhren wir, dass die LPG tatsächlich kurzfristig den Auftrag erhalten hatte, ausgerechnet während unserer Sendung dort zu pflügen.

„Ganz ruhig, die beißen nicht“
Unvergessen bleibt mir auch die Übergabe eines Wetterballons am Grenzübergang Eußenhausen–Meiningen. Der Ballon war aus der DDR nach Westen abgetrieben und sollte zurückgegeben werden.
Gemeinsam mit einem Beamten des Bundesgrenzschutzes ging ich zur vereinbarten Übergabestelle. Auf der anderen Seite kamen zwei DDR-Grenzsoldaten auf uns zu. Einer trug eine Kalaschnikow.
Mir wurde etwas mulmig.
Der BGS-Beamte bemerkte meine Anspannung und sagte trocken: „Ganz ruhig, die beißen nicht.“
Wir standen uns schließlich in vielleicht zwei Metern Entfernung gegenüber. Ich sagte „Grüß Gott“, von der anderen Seite kam ein knappes „Guten Tag“. Dann die Übergabe des Wetterballons, ein kurzes „Danke“ – und die beiden Soldaten marschierten wieder zurück.
Eine winzige Begegnung. Und doch zeigte sie die ganze Absurdität dieser Grenze: vier Deutsche, wenige Meter voneinander entfernt, und zwischen ihnen zwei politische Systeme und der Kalte Krieg.

Breitensee: Volksfeststimmung am Todesstreifen
Am 13. August 1986, genau 25 Jahre nach Beginn des Mauerbaus, sendeten wir live aus Breitensee im Grabfeld. Das Dorf lag unmittelbar am Grenzzaun.
Die Menschen stellten Bierbänke auf, es gab Bratwürste, viele kamen zu unserem Übertragungswagen. Fast Volksfeststimmung – ausgerechnet an einem Ort, an dem wenige hundert Meter weiter eine tödliche Grenze verlief.
Natürlich wurden auch wir von der anderen Seite beobachtet. DDR-Grenzer fotografierten uns. Sie wussten genau, wann wir auf Sendung gingen. Und wir wussten, dass unsere Sendung auch drüben gehört wurde.
Ein Ehepaar aus der DDR erzählte mir später, dass beide von der Westseite aus immer wieder sehnsüchtig zur Grenze gefahren seien. Sie hätten gehofft, vielleicht irgendetwas von ihrer früheren Heimat sehen zu können. Die Frau sagte sinngemäß: Wenn man dort steht, versteht man nicht, dass die Grenze immer weitergeht und scheinbar niemals endet.

Dieser Satz ist mir geblieben.
Die Grenze stand nicht nur in der Landschaft
Später bekam diese Geschichte noch eine andere Dimension. 1984 reiste ich erstmals selbst in die DDR. Ich wollte Freunde besuchen und zugleich sehen, wie die Menschen dort lebten.
Was ich damals nicht wusste: Die Staatssicherheit interessierte sich längst für meine journalistische Arbeit.
Meine Berichte aus dem Grenzgebiet, unsere Sendungen, meine Kontakte und schließlich meine Reisen wurden beobachtet. Aus dem BR-Journalisten Eberhard Schellenberger wurde in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der „Deckname Antenne“.
Damit schloss sich auf merkwürdige Weise ein Kreis: Der Junge, der einst staunend am Grenzzaun gestanden hatte, war Reporter an dieser Grenze geworden – und schließlich selbst ins Visier des DDR-Staatssicherheitsapparates geraten.
65 Jahre später
Heute gibt es den Zaun nicht mehr. Keine Minenfelder, keine Selbstschussanlagen, keine Grenzsoldaten mit Ferngläsern. Wo früher Todesstreifen verliefen, kann man wandern und Rad fahren. Unterfranken und Südthüringen sind wieder Nachbarn.
Wenn ich heute an Trappstadt, Breitensee, Eußenhausen, Meiningen, Bad Königshofen oder die Rhön denke, sehe ich deshalb manchmal noch zwei Landschaften gleichzeitig: die wunderbare Landschaft von heute – und jene Landschaft meiner Erinnerung mit Zaun, Wachtürmen, Minen und bewaffneten Grenzposten.
Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichten weiter.
Denn für junge Menschen ist diese Grenze inzwischen so weit entfernt wie für meine Generation manches Ereignis des Zweiten Weltkriegs. Wenn ich heute vor Schülerinnen und Schülern stehe, möchte ich ihnen nicht nur erklären, wie diese Grenze aussah. Ich möchte vermitteln, was sie mit Menschen machte.

Wie es sich anfühlte, wenn eine Straße plötzlich zu Ende war.
Wenn auf der anderen Seite Minen gelegt wurden (siehe Foto oben)
Wenn Verwandte wenige Kilometer entfernt lebten und doch unerreichbar waren.
Wenn ein Reporter bei seiner Arbeit fotografiert und beobachtet wurde.
Wenn Radiowellen freier waren als Menschen.
Und vor allem möchte ich erzählen, dass diese Grenze, die für die Ewigkeit gebaut schien, schließlich doch verschwand.
Nicht durch Panzer. Nicht durch einen Krieg.
Sondern weil Menschen in der DDR 1989 ihre Angst überwanden, auf die Straße gingen und Freiheit forderten.
Das ist für mich 65 Jahre nach dem Mauerbau die wichtigste Botschaft: Freiheit ist nicht selbstverständlich. Aber Unfreiheit muss auch nicht für immer bestehen.
