
Lebensfreude ist für mich eine Haltung
Ich liebe das Leben. Ich liebe die Menschen, die Begegnungen, das gemeinsame Lachen, ein gutes Gespräch, Musik, Geschichten, Landschaften und diese kostbaren Augenblicke, in denen man spürt: Es ist ein Glück, auf dieser Welt zu sein.
Diese Lebenslust ist für mich keine Oberflächlichkeit. Sie gehört zu meinem Menschenbild. Wer das Leben liebt, darf nicht gleichgültig bleiben, wenn anderen Menschen ihre Würde, ihre Freiheit oder sogar ihr Recht auf ein sicheres Leben abgesprochen wird.
Ich glaube daran, dass jeder Mensch den gleichen Wert besitzt. Unabhängig davon, wo er geboren wurde, welche Hautfarbe er hat, welcher Religion er angehört, wen er liebt, ob er gesund oder krank, jung oder alt, reich oder arm ist. Niemand ist mehr wert als ein anderer. Und niemand wird dadurch größer, dass er andere erniedrigt.
Nächstenliebe muss sich im Alltag bewähren
Mein Menschenbild ist vom christlichen Glauben geprägt. Aber Nächstenliebe ist für mich kein frommer Satz für den Sonntag. Sie muss sich im Alltag bewähren: im Umgang mit Schwächeren, mit Fremden, mit Menschen, die anders denken, anders glauben oder anders leben. Menschlichkeit beginnt dort, wo wir nicht zuerst fragen: Was nützt mir dieser Mensch? Sondern: Was braucht er, um in Würde leben zu können?
Was ich von meinem Vater gelernt habe
Geprägt hat mich dabei ganz besonders mein Vater Alfons Schellenberger. Er war einer der wenigen jungen Menschen in meiner Heimatstadt Zeil am Main, die sich weigerten, in die Hitlerjugend einzutreten. Später wurde er trotzdem in den Krieg gezwungen. Er geriet in russische Gefangenschaft und kehrte erst als einer der Letzten, verletzt und von seinen Erlebnissen gezeichnet, in die Heimat zurück. Mein Vater wusste aus eigener bitterer Erfahrung, wohin eine menschenverachtende Diktatur, blinder Gehorsam und nationalistischer Größenwahn führen. Seine frühe Weigerung, sich der Hitlerjugend anzuschließen, war für mich ein Beispiel dafür, dass Haltung gerade dann zählt, wenn Anpassung leichter und Widerstand gefährlich ist. Er war und ist eines meiner wichtigsten Vorbilder.
Freiheit ist ein Geschenk – und ein Auftrag
Ich habe 42 Jahre als Journalist gearbeitet. Ich durfte frei berichten, fragen, kritisieren und widersprechen. Erst der Blick in meine Stasi-Akten hat mir noch deutlicher gezeigt, welch großes Geschenk diese Freiheit ist. In einer Diktatur wird die freie Frage zur Gefahr. Kritik wird überwacht, Wahrheit kontrolliert und Angst zum politischen Werkzeug.
Deshalb sind Freiheit und Demokratie für mich keine selbstverständlichen Zustände, die einfach bleiben, weil sie einmal errungen wurden. Sie müssen von jeder Generation neu verstanden, verteidigt und mit Leben erfüllt werden.
Was mich heute beunruhigt
Und genau deshalb beunruhigt mich, was gegenwärtig immer lauter wird.
Rassismus wird wieder unverhohlener ausgesprochen. Menschen werden pauschal nach Herkunft, Religion oder Hautfarbe beurteilt. Minderheiten werden zu Sündenböcken gemacht. Flüchtlinge werden nicht mehr als einzelne Menschen mit Schicksalen wahrgenommen, sondern als bedrohliche Masse beschrieben. Verachtung wird als Klartext verkauft, Rücksichtslosigkeit als Stärke und Menschenfeindlichkeit als angeblicher Mut, endlich auszusprechen, was man doch wohl noch sagen dürfe.
Ja, man darf in einer Demokratie sehr vieles sagen. Aber man muss auch damit leben, dass andere widersprechen. Meinungsfreiheit ist kein Anspruch darauf, dass menschenverachtende Aussagen unwidersprochen bleiben.
Ich will widersprechen.
Ich will nicht den Lauten das Feld überlassen. Nicht denen, die mit Angst Politik machen. Nicht denen, die unsere Gesellschaft immer weiter spalten wollen in „wir“ und „die anderen“. Nicht denen, die behaupten, nur sie sprächen für „das Volk“, während sie Millionen Menschen aus diesem Volk gedanklich ausbürgern.
Wer gehört zu Deutschland? Die Antwort ist für mich einfach: Alle, die hier leben, arbeiten, lernen, lieben, Familien gründen, Verantwortung übernehmen und sich an unsere demokratischen Regeln halten. Unsere Gesellschaft ist kein exklusiver Verein, in dem einige über die Aufnahmeberechtigung der anderen entscheiden dürfen.
Natürlich gibt es Probleme. Natürlich müssen Migration, Integration, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit offen diskutiert werden. Ein demokratischer Staat muss Regeln setzen und sie durchsetzen. Aber Probleme lassen sich nicht lösen, indem man Menschen entwürdigt. Wer differenzierte Debatten durch Feindbilder ersetzt, schafft keine Ordnung. Er schafft Hass.
Sprache verändert das gesellschaftliche Klima
Mich erschreckt nicht nur, was manche politischen Kräfte sagen. Mich erschreckt auch, wie schnell sich ihre Sprache ausbreitet. Wörter verändern das gesellschaftliche Klima. Aus abwertenden Begriffen werden pauschale Urteile. Aus pauschalen Urteilen wird Verachtung. Und aus Verachtung kann Ausgrenzung werden.
Die Geschichte zeigt, wohin es führen kann, wenn eine Gesellschaft Menschen zuerst sprachlich und später tatsächlich aus ihrer Gemeinschaft ausschließt.
Darum beginnt der Schutz der Demokratie nicht erst bei Wahlen oder in Parlamenten. Er beginnt im Alltag: am Arbeitsplatz, am Stammtisch, in der Familie, im Sportverein, in der Schule und in den sozialen Medien. Er beginnt in dem Moment, in dem jemand einen rassistischen Spruch macht und wir entscheiden müssen, ob wir schweigen oder widersprechen.
Schweigen ist manchmal bequem. Doch es wird von den Lauten leicht als Zustimmung verstanden.
Ich will nicht schweigen. Ich will laut sein für Freiheit und Demokratie. Laut für Menschenwürde und gegenseitigen Respekt. Laut gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit. Laut gegen die Verachtung von Geflüchteten, Menschen mit Behinderung, Armen, Kranken und allen, die nicht in das Weltbild selbst ernannter Herrenmenschen passen.
Nicht Hass gegen Hass
Aber ich will nicht mit Hass auf Hass antworten.
Auch darin liegt für mich eine wichtige Grenze. Ich lehne menschenfeindliche Positionen entschieden ab, aber ich will Menschen nicht vorschnell aufgeben. Demokratie braucht den Streit, die klare Auseinandersetzung und manchmal auch harte Worte. Sie braucht aber ebenso die Bereitschaft, zuzuhören und Menschen zurückzugewinnen, die sich aus Enttäuschung, Angst oder Wut von ihr entfernt haben.
Wer allerdings bewusst Lügen verbreitet, Minderheiten herabsetzt und unsere freiheitliche Ordnung beseitigen will, muss mit meinem entschiedenen Widerspruch rechnen.
Toleranz bedeutet nicht, die Feinde der Toleranz gewähren zu lassen.
Heimat mit offenem Herzen
Mein Heimatgefühl steht dazu nicht im Widerspruch. Im Gegenteil. Ich liebe Franken, Mainfranken und Würzburg. Ich liebe unsere Sprache, unsere Landschaften, unseren Eigensinn und unseren Humor. Aber Heimat gehört niemandem allein. Heimat wird nicht kleiner, wenn sie geteilt wird. Sie wird reicher durch Menschen, die neu hinzukommen, ihre Erfahrungen mitbringen und gemeinsam mit uns an der Zukunft arbeiten.
Heimatliebe ohne Menschlichkeit wird eng und kalt. Heimatliebe mit offenem Herzen gibt Halt, ohne andere auszugrenzen.
Freiheit gilt immer auch für die anderen
Mein Leben hat mich gelehrt, dass Freiheit nie nur meine persönliche Freiheit sein kann. Wenn ich Freiheit nur für Menschen fordere, die so aussehen, glauben und denken wie ich, habe ich ihren Sinn nicht verstanden. Freiheit zeigt ihren Wert gerade darin, dass sie auch den anderen schützt.
Ebenso ist Demokratie mehr als das Recht, alle paar Jahre ein Kreuz auf einen Stimmzettel zu setzen. Demokratie ist eine Lebensform. Sie bedeutet, andere Meinungen auszuhalten, Kompromisse zu suchen, Fakten anzuerkennen, Minderheiten zu schützen und politische Gegner nicht zu Feinden zu erklären.
Demokratie ist anstrengend – und gerade deshalb menschlich
Demokratie kann anstrengend sein. Sie ist langsamer als der autoritäre Befehl. Sie ist widersprüchlich, manchmal laut und gelegentlich frustrierend. Aber gerade darin liegt ihre Menschlichkeit: Niemand besitzt allein die Wahrheit. Niemand darf allein bestimmen. Macht wird kontrolliert und kann wieder entzogen werden.
Wer heute nach dem „starken Mann“ ruft, sollte sich fragen, was geschieht, wenn dieser starke Mann sich gegen ihn selbst richtet. Diktaturen versprechen Ordnung und erzeugen Unfreiheit. Sie beginnen selten mit Gefängnissen und Verboten. Sie beginnen mit einfachen Antworten, Feindbildern, Verachtung für demokratische Institutionen und Angriffen auf unabhängige Medien.
Ich habe erlebt, wohin ein Staat gelangt, der seine Bürger überwacht und Journalisten als Gegner betrachtet. Deshalb höre ich genauer hin, wenn heute wieder abfällig über Parlamente, Gerichte, freie Medien und unsere Verfassung gesprochen wird.
Unsere Demokratie ist nicht vollkommen. Aber ihre Fehler sind kein Argument für ihre Abschaffung. Sie sind ein Auftrag, sie besser zu machen.
Ich möchte nicht nur gegen etwas sein
Zu meinem Menschenbild gehört auch die Lebensfreude. Ich möchte nicht nur gegen etwas sein. Ich möchte für etwas leben: für eine Gesellschaft, in der Menschen miteinander lachen, feiern, diskutieren und streiten können, ohne einander die Würde abzusprechen. Für eine Gesellschaft, in der Kinder ohne Angst aufwachsen. In der ältere Menschen nicht abgeschrieben werden. In der Schwäche nicht verachtet und Hilfsbereitschaft nicht als Naivität verspottet wird.
Menschlichkeit ist keine Schwäche. Sie verlangt häufig mehr Mut als Rücksichtslosigkeit.
Es ist leicht, auf Schwächere zu zeigen. Es ist leicht, einfache Schuldige zu benennen. Es ist leicht, in der Menge Parolen zu rufen. Schwerer ist es, sich vor einen angegriffenen Menschen zu stellen. Schwerer ist es, in einer aufgeheizten Diskussion ruhig zu widersprechen. Schwerer ist es, Brücken zu bauen, ohne die eigene Haltung aufzugeben.
Genau diese Stärke brauchen wir jetzt.
Die Menschenfeinde sind laut geworden
Die Rassisten treten selbstbewusster auf. Die Verächter unserer Demokratie versuchen, den Eindruck zu erwecken, sie seien bereits die Mehrheit. Das sind sie nicht.
Die große Mehrheit der Menschen möchte in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben. Sie möchte ihre Familien schützen, ihren Beruf ausüben, ihre Meinung sagen und respektiert werden. Sie will keine Diktatur und keinen Hass. Doch diese Mehrheit darf nicht unsichtbar und unhörbar bleiben.
Darum will auch ich laut sein.
Nicht schrill, aber deutlich. Nicht hasserfüllt, aber leidenschaftlich. Nicht selbstgerecht, aber standfest.
Laut für Freiheit.
Laut für Demokratie.
Laut für Lebensfreude.
Laut für ein Zusammenleben, in dem kein Mensch wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierung, Krankheit oder Behinderung weniger wert ist.
Hoffnung braucht Haltung
Ich bin 68 Jahre alt. Ich habe erlebt, dass Mauern fallen können, die angeblich für immer gebaut waren. Ich habe erlebt, dass Menschen ihre Angst überwinden und sich ihre Freiheit zurückholen. Deshalb bin ich trotz aller bedrohlichen Entwicklungen kein hoffnungsloser Mensch.
Hoffnung bedeutet für mich allerdings nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Hoffnung braucht Haltung. Hoffnung braucht Menschen, die aufstehen, widersprechen und sich einmischen.
Ich will einer von ihnen sein. Meine Stimme gehört dazu. Denn Freiheit und Demokratie brauchen nicht nur stille Zustimmung. Sie brauchen hörbare Stimmen.
Ich schweige nicht!
