Mit Sarah Beham unterwegs – auf den Spuren von „Deckname Antenne“

Manche Tage bleiben im Gedächtnis. Nicht, weil etwas Spektakuläres geschieht, sondern weil Orte, Erinnerungen und Gespräche plötzlich zu einem großen Ganzen werden. So war es bei unserer gemeinsamen Fahrt entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze.
Gemeinsam mit meiner Journalistenkollegin Sarah Beham war ich an den Originalschauplätzen meines Projekts „Deckname Antenne“ unterwegs. Was lange nur eine Idee gewesen war, wurde jetzt Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit entwickelte sich für uns beide zu einer ebenso bewegenden wie emotionalen Reise.

Ich erzähle davon nicht nur, weil wir historische Orte besucht haben. Ich erzähle davon vor allem deshalb, weil Sarah Beham in diesem Projekt eine besondere Rolle spielt. Die BR-Reporterin arbeitet heute im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. Schon bei der ersten Gliederung meines Buches war sie eingebunden. Immer wieder stellte sie Fragen, die aus ihrer Generation kommen. Fragen, die ich selbst vielleicht gar nicht mehr gestellt hätte, weil ich vieles erlebt habe und manches für selbstverständlich halte.
Für Sarah dagegen gehört ein geteiltes Deutschland längst zur Geschichte. Sie kennt es aus Erzählungen, Dokumentationen und aus dem Geschichtsunterricht. Aber wie fühlt sich eine Grenze an, die Menschen über Jahrzehnte eingesperrt hat? Was bedeutet es, wenn ein Wachturm nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Symbol für Angst und Unfreiheit ist? Genau diese Fragen begleiten unser gemeinsames Projekt. Deshalb ist Sarah für mich weit mehr als eine Kollegin. Sie ist die Brücke in die nächste Generation. Und mittlerweile eine gute Freundin über Generationen hinweg,

Unsere erste Station führte uns nach Behrungen in Südthüringen, nur wenige Kilometer von der bayerischen Landesgrenze entfernt.
Hier ist die ehemalige Grenze noch in einer Vollständigkeit erhalten, wie man sie nur noch selten findet. Grenzpfähle, der weiß-blaue Grenzzaun, Autosperrgraben, Metallgitterzaun und Wachturm stehen noch immer dort, wo sie einst Menschen voneinander trennten.
Wir gingen langsam durch diese Anlage. Sarah blieb immer wieder stehen. Sie betrachtete die Zäune, die Gräben und den Wachturm. Immer wieder kam die gleiche Frage: „War das wirklich alles nur, um die eigenen Bürger am Weggehen zu hindern?“
Ja, genau so war es.


Ich konnte spüren, wie sehr sie dieser Ort bewegte. Ungläubiges Staunen wechselte mit Sprachlosigkeit. Für einen Menschen ihrer Generation ist eine solche Grenze kaum noch vorstellbar. Und doch stand sie nun mitten darin.
Auch mich lassen solche Orte nie unberührt. Ich bin Jahrgang 1957. Die deutsche Teilung hat mein gesamtes Berufsleben begleitet. Trotzdem ist es bis heute kaum zu begreifen, dass mitten durch Deutschland eine Grenze verlief, an der Menschen erschossen wurden, weil sie in Freiheit leben wollten.

Von Behrungen aus fuhren wir weiter zum ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen.

Wir begannen bewusst auf Thüringer Seite. Dort, wo heute nur noch eine riesige Betonfläche liegt, befand sich einst die gewaltige Abfertigungsanlage der DDR.
Genau hier hatte ich in der Nacht zum 3. Oktober 1990 gestanden. Genau hier stand damals das große Festzelt. Und genau von hier meldete ich mich kurz nach Mitternacht live im Bayerischen Rundfunk – mit der Reportage, die für mich bis heute die bedeutendste meines 42-jährigen Reporterlebens geblieben ist. Ich hatte diese Aufnahme mitgebracht.
Wir hörten sie gemeinsam an – genau an dem Ort, an dem sie entstanden war. Plötzlich erklang das Deutschlandlied. Tausende Menschen sangen damals voller Freude, voller Hoffnung und voller Dankbarkeit. Wir beide bekamen Gänsehaut.
Es war einer jener seltenen Augenblicke, in denen Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen. Geschichte wurde plötzlich wieder lebendig.

Anschließend gingen wir auf die frühere westdeutsche Seite. Die Ausstellung dort mit Fahrzeugrammbock, Grenzzäunen, Bunkeranlagen und zahlreichen Originalobjekten macht die Brutalität des Grenzsystems eindrucksvoll sichtbar.
„Hier waren Deutschland und Europa bis zum 10. November 1989 um 3.40 Uhr geteilt.“ Wir hörten hier noch einmal meine Reportage aus der Nacht des Mauerfalls. An genau dieser Stelle rollte damals das erste Auto aus der DDR in den Westen.
Für mich war es Erinnerung. Für Sarah wurde Geschichte plötzlich hörbar. An dem Ort zu stehen, an dem Geschichte passiert ist, verändert den Blick.

Ein weiterer Höhepunkt unserer Reise war der Skulpturenpark des Rhöner Aktionskünstlers Jimmy Fell.
Hier begegnet Geschichte der Kunst. Die Goldene Brücke steht für Verbindung statt Trennung. Der umgeworfene Riesenstuhl vor einer Tür erinnert an verlorene Heimat. Überall Figuren, Texte, Flaggen und Installationen, die an die Friedliche Revolution erinnern. In der Ferne steht noch immer der alte Wachturm. Er verfällt langsam. Und vielleicht ist genau das richtig. Er soll nicht verschwinden. Aber er soll auch nie wieder gebraucht werden.

Unsere nächste Station führte uns auf den Dachsberg bei Hermannsfeld.
Dort erwartete uns Bürgermeister Christoph Friedrich persönlich. Mit großer Leidenschaft zeigte er uns den ehemaligen Wachturm, der derzeit saniert wird. Künftig soll man dort sogar übernachten können. Was für ein Zeichen.
Ein Ort, an dem früher Soldaten Menschen beobachteten, die fliehen wollten,und auch auf sie geschossen haben, wird künftig Menschen beherbergen, die Geschichte erleben möchten. Hier werden auch die oft traumatischen Erlebnisse junger DDR- Grenzsoldaten dokumentiert. Auch vermutete Täter waren nicht selten Opfer.

Direkt daneben erhebt sich das mächtige Weltfriedenskreuz. Kaum irgendwo wird deutlicher, wie aus einem Ort der Unterdrückung ein Ort der Versöhnung werden kann.


Christoph Friedrich war beim Fall der Mauer noch ein kleiner Junge. Heute gehört er zu den Menschen, die mit großem Engagement dafür sorgen, dass die Erinnerung nicht verloren geht. Wir waren beeindruckt. Und wir bedankten uns herzlich für die außergewöhnliche Gastfreundschaft.
Die letzte Station unserer Grenzfahrt führte uns zum Dreiländereck am Schwarzen Moor.
Hier begegnen sich gleich zwei Kapitel deutscher Diktaturgeschichte. Auf der einen Seite die Reste eines geplanten Reichsarbeitsdienstlagers aus der Zeit des Nationalsozialismus. Nur wenige hundert Meter entfernt ein ehemaliger DDR-Wachturm und Überreste des Metallgitterzauns. Braune und rote Diktatur liegen hier erschreckend nah beieinander.

Begonnen hatte unser gemeinsamer Tag übrigens an einem Platz, der wie kaum ein anderer Hoffnung vermittelt. Am Mittelpunkt der Europäischen Union bei Gadheim. Seit dem Brexit liegt dort die geografische Mitte der Europäischen Union. Für mich ist dieser Platz ein Symbol. Hier wird sichtbar, was Europa geschafft hat.

Länder, die sich über Jahrhunderte in grausamen Kriegen bekämpften, leben heute friedlich zusammen. Deutschland und Frankreich sind dafür vielleicht das schönste Beispiel. Gerade heute, in einer Zeit, in der Frieden, Freiheit und Demokratie wieder stärker bedroht sind als viele Jahre zuvor, bekommt dieser Ort eine besondere Bedeutung. Hier werde ich am 1. Juli um 19 Uhr eine Open-Air-Lesung halten.
Der Eintritt ist frei.


Auf der Heimfahrt sprachen Sarah und ich noch lange über alles, was wir gesehen hatten. Über Geschichte. Über Erinnerung. Über Verantwortung. Und natürlich über unser gemeinsames Projekt „Deckname Antenne“. Je länger wir unterwegs waren, desto deutlicher wurde uns, wie wichtig die Verbindung unserer beiden Generationen ist. Ich bringe die Erinnerungen eines Zeitzeugen mit. Sarah bringt den Blick einer Generation ein, die diese Zeit nicht erlebt hat, sie aber verstehen möchte. Genau darin liegt für mich die besondere Stärke unseres Projekts. Es schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Am Ende dieses Tages blieb für uns beide eine tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, in Freiheit leben zu dürfen. Dankbarkeit für die Menschen, die den Mut zur Friedlichen Revolution hatten. Und die Gewissheit, dass Freiheit, Demokratie und Menschenwürde niemals selbstverständlich sind. Sie müssen immer wieder erklärt, verteidigt und an die nächste Generation weitergegeben werden. Sarah Beham ist eine sehr hoffnungsvolle Brücke.
Freiheit und Demokratie sind – davon bin ich nach diesem Tag mehr denn je überzeugt – der Sauerstoff für eine gute Zukunft.