
„Warum tust Du Dir im Ruhestand diesen Vortragsstress eigentlich noch an?“
Diese Frage begegnet mir in letzter Zeit erstaunlich oft. Mal nach einer Lesung, mal am Telefon, mal beim Bäcker oder auf der Straße. Meistens klingt sie freundlich besorgt. Manchmal schwingt sogar ein bisschen Unverständnis mit. Nach dem Motto: „Jetzt könntest Du es doch endlich ruhig angehen lassen.“
Meine Antwort beginnt fast immer mit einer Gegenfrage:
„Was ist eigentlich Ruhestand?“
Bedeutet Ruhestand, morgens gemütlich aufzustehen, dreimal am Fenster nach dem Wetter zu schauen, anschließend den Rasen zu betrachten und am Nachmittag zu überlegen, ob die Geranien genug Wasser bekommen haben? Oder ob die Rosen heute besonders schön blühen? Das alles hat durchaus seinen Reiz. Aber ich glaube, ich wäre nach drei Tagen kaum noch auszuhalten.
Ich habe 42 Jahre lang als Journalist gearbeitet. Neugierig sein, Menschen begegnen, Geschichten erzählen, unterwegs sein – das war nie nur mein Beruf. Es ist ein Teil von mir geworden. Warum sollte ich das mit dem Eintritt in den Ruhestand einfach abschalten? Das wäre ungefähr so, als würde man einem Musiker sagen: „Jetzt leg die Geige weg. Du hast lange genug gespielt.“
Viele stellen sich meinen Kalender anstrengend vor. Das stimmt sogar. Die Termine häufen sich. Bayern, Thüringen, Hessen, Baden-Württemberg, Berlin –
ja, manchmal sitze ich im Auto oder Zug und denke: „Heute wird ein langer Tag.“ Aber spätestens wenn die ersten Gäste kommen, wenn Schülerinnen und Schüler neugierig ihre Fragen stellen oder wenn ältere Besucher nach der Lesung erzählen, welche Erinnerungen plötzlich wieder lebendig geworden sind, weiß ich wieder, warum ich unterwegs bin.
Das Merkwürdige ist: Ich fahre oft müde los – und komme voller Energie zurück.
Stress fühlt sich anders an. Stress raubt Kraft. Diese Begegnungen schenken mir Kraft.
Natürlich gibt es Vorbereitung. Technik muss funktionieren, Bilder, Töne und Videos müssen zusammenspielen. Bücher wollen signiert werden. Danach folgen oft noch lange Gespräche. Aber genau diese Gespräche sind für mich der schönste Teil des Abends. Da erzählt mir jemand von seiner Flucht aus der DDR. Eine andere berichtet von ihrer Kindheit an der Grenze. Jugendliche fragen ganz offen: „Warum haben die Menschen das damals überhaupt ausgehalten?“ Aus solchen Begegnungen nehme ich oft mehr mit, als ich selbst geben konnte.
Manche sagen dann: „Du könntest doch einfach zu Hause bleiben.“
Könnte ich. Aber ich möchte nicht.
Für mich ist Ruhestand deshalb nicht der Ausstieg aus dem Leben. Er ist die Freiheit, selbst zu entscheiden, wofür ich meine Zeit einsetze. Ich reise, weil ich überzeugt bin, dass Erinnern wichtig ist. Weil Geschichte nur dann lebendig bleibt, wenn Menschen sie erzählen. Und weil ich immer wieder erlebe, wie aus einer Lesung weit mehr wird als eine Buchvorstellung: ein gemeinsames Nachdenken über Freiheit, Demokratie und unsere Verantwortung.
Ich empfinde deshalb keine Ermüdung. Im Gegenteil. Jede Einladung ist für mich ein Vertrauensbeweis. Jede Lesung ist eine neue Begegnung. Jeder Applaus ist schön – aber noch wichtiger sind die Gespräche danach.
Und wenn mich wieder jemand fragt: „Warum tust Du Dir das im Ruhestand noch an?“, dann werde ich wahrscheinlich schmunzeln und antworten:
„Weil ich noch lebe. Und solange ich lebe, möchte ich nicht nur aus dem Fenster schauen.
Vielleicht ist genau das mein Verständnis von Ruhestand:
Nicht weniger Leben. Sondern mehr Freiheit, das Richtige zu tun.

