Tränen und Rührung

Mittlerweile kenne ich die Stellen, wenn in meinen Vorträgen Tränen kommen, die Augen nass werden, wenn das Taschentuch herausgeholt wird. Es ist hauptsächlich bei den zwei kurzen Videos. Wenn die Trabis und Wartburgs nach dem Mauerfall durch das Spalier der Menschen am Grenzübergang Eußenhausen- Meiningen fahren oder wenn voller Inbrunst in der Nacht der Wiedervereinigung die Menschen im Festzelt an eben diesem Grenzübergang die deutsche Nationalhymne singen.

Auch ich habe jedes Mal Gänsehaut, obwohl ich den Vortrag jetzt schon fast 100 Mal gehalten habe. Ich tauche immer wieder mit ein in dieses große historische Ereignis vor 35 Jahren. Ich stand live mitten unter den Menschen, beschrieb diesen einmaligen, geschichtlichen Moment und konnte ihn eigentlich nicht wirklich fassen.  Während der Nationalhymne schwieg ich, reckte mein Mikrofon in die Höhe, sah und hörte vor mir die Menschen singen, ihnen liefen die Tränen herunter, mir schließlich auch.

Und warum packt uns das heute so? Wir leben in schwierigsten Zeiten. Kriege, diktatorische Politiker wo wir sie bisher nicht vermuteten. Und dann blicken wir 35 Jahre zurück. Die Welt saß damals auch auf einem Pulverfass. Die Grenze zwischen den Blöcken ging genau an unserer unterfränkischen Grenze zum Nachbarn Südthüringen vorbei. Uns hätte es bei einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen NATO und Warschauer Pakt zuerst erwischt. „Die Dörfer hätten gebrannt“ sagt Udo Straub, damals Bundeswehr Mellrichstadt. Und dann fiel exakt an seinem 40. Geburtstag die Grenze in der Rhön, sein Onkel aus Suhl war einer der ersten Gratulanten, der im Laufe des Tages aus der DDR nach Mellrichstadt kam. Udo Straub sah ihn in seinem Leben das erste Mal, denn als Bundeswehrsoldat durfte er nicht in die DDR. Und wenn ich erzähle, dass Udo Straub an diesem besonderen Geburtstag hinauf zum Grenzübergang fuhr, die Autoschlangen sah und in Tränen ausbrach, dann wird es ganz still im Saal.

Genauso wie am Ende meines Vortrags, wenn ich von meiner jungen Kollegin Sarah Beham erzähle, die mich als Brücke in die nachfolgende Generation beim Buch schreiben unterstützte, und die jetzt als BR -Hauptstadtkorrespondentin mir bei einem Besuch in der Ukraine schrieb, sie hätte eine ganze Generation junger Männer gesehen, verstümmelt,in einem Rehazentrum in Würzburgs Partnerstadt Lviv. Dann zitiere ich meine Antwort an sie, dass dies vor 35 Jahren ihrem Papa und mir in unserer Generation auch hätte passieren können. Dann nämlich, wenn nicht die richtigen Staatslenker in der damaligen Sowjetunion, in den USA und den anderen Siegermächten an der Regierung gewesen wären. „Demut und Dankbarkeit“, das sind meine letzten Worte im Vortrag. Und dann ist es oft 30 Sekunden still.

Und das ist wohl die Antwort auf die Frage, warum ich auf so viel emotionales Echo stoße. Wir haben in den letzten Jahrzehnten so Vieles für selbstverständlich genommen. Der Friede war Alltag. Das merken jetzt alle Besucher, die es miterlebt haben, das merken aber auch junge Leute. In einer Schule kam ein Schüler auf mich zu und meinte: „ Ich hatte jetzt auch Tränen in den Augen. Was für eine Freude das Alles damals war, und ohne Krieg.“