
Es war ein sonniger Junitag im Jahre 1984. Das regionale Mittagsmagazin „Welle Mainfranken“ auf Bayern 2 kam an diesem Tag live von der DDR-Grenze bei Trappstadt im Landkreis Rhön-Grabfeld.
Die DDR hatte beschlossen, Minen zu räumen, zu erneuern und auch die Selbstschussanlagen SM 70 am vorderen Grenzzaun zu demontieren. Die Vereinten Nationen hatten zwar schon am 10. Oktober 1980 das Verbot solcher Sprengfallen beschlossen, die DDR unterschrieb das Protokoll aber erst im April 1981 und wusste, dass das Verbot erst zum 1. Dezember 1983 in Kraft treten würde. 71 000 Selbstschussanlagen des Typs SM 70 waren montiert worden, das erste Todesopfer gab es durch eine Explosion bei einem Fluchtversuch am 14. November 1972, das letzte am 22. März 1984. Zudem war der Abbau der SM 70 Teil der Vereinbarung der DDR mit Franz-Josef Strauß beim Abschluss des „Milliardenkredits“.
Und jetzt also auch der Abbau an der Grenze zu Unterfranken. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, denn ganze Zaunabschnitte wurden demontiert und erneuert, die Grenze war also „offen“. Für die Übertragung außerhalb von Trappstadt benötigten wir eine Postleitung. Die hatte ein Bautrupp der Post schon einige Tage vor der Livesendung hinausgezogen und auf bundesdeutscher Seite direkt an der Grenze deponiert. Schon bei diesen Leitungsarbeiten wurden die DDR-Grenzsoldaten aufmerksam. In Gruppen standen sie auf der anderen Seite, beobachteten mit Ferngläsern und fotografierten alle Montagearbeiten.
Nachts hatte der Bundesgrenzschutz die deponierte Übertragungsleitung unter verstärkter Beobachtung. Am Tag der Sendung kamen auch viele Menschen aus den Dörfern rundum an die Grenze und umringten den weiß-blauen BR-Übertragungswagen. Den ganzen Vormittag über wurden auf DDR-Seite mit speziellen Räumungspanzern Minen aus dem gepflügten Erdreich geholt, die Maschinen verdeckt mit Planen.
Als Jungreporter war ich besonders aufgeregt, ich hatte die Moderation der Sendung, sollte kurz nach 12 Uhr die Hörerinnen und Hörer und die Gäste vor Ort begrüßen. Um etwa 11.30 Uhr dann plötzlich Bewegung auf DDR-Seite. Die Bergungspanzer verließen den Bereich am vorderen Zaun und waren verschwunden, stattdessen kamen Traktoren mit Pfluggeräten und begannen wie auf einem Acker mit ihrer Arbeit. Bundesgrenzschutzbeamte identifizierten sie als Fahrzeuge aus der nahen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Die Sendung begann, ich begrüßte die Menschen vor Ort „und die Hörerinnen und Hörer in Ost und West“ und dankte auch der LPG für „ihre landwirtschaftlichen Vorführungen“. Kurz nach der Livesendung verschwanden die Traktoren wieder und die Bergepanzer für die Minen tauchten wieder auf, setzten ihre Arbeit fort.
Später wurde bekannt, dass die LPG tatsächlich kurzfristig und überraschend den Auftrag bekam, in der Mittagsstunde vor den Augen des Westpublikums zu pflügen.
Gründe wurden nicht genannt. Dankbar waren die Menschen auf der DDR-Nachbarseite aber für unsere Mittagssendung. Da hörten sie Details über die Minen- und Selbstschussanlagenräumung vor ihrer Haustüre, denn dieses Thema wurde in den staatlichen DDR-Medien wie immer komplett ausgespart.

Nie vergessen werde ich den Reportereinsatz, als ich die Übergabe eines Wetterballons am Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen begleitete. Der Ballon zur Aufnahme von Wetterdaten war in der DDR aufgestiegen und dann nach Westen abgetrieben. Gemäß Vereinbarungen wurden solche Gegenstände von Zeit zu Zeit ausgetauscht. Über ein „rotes Telefon“ wurde ein Übergabezeitpunkt vereinbart. Eine solche Übergabe durfte ich begleiten. Ohne Tonbandgerät ging ich mit dem Bundesgrenzschutzbeamten in Richtung Grenze. Wir liefen auf der Fahrstraße den Berg hinauf und blieben an der weißen Linie stehen. Von der anderen Seite aus kamen zwei DDR-Grenzsoldaten, einer bewaffnet mit einer umgehängten Kalaschnikow. Ich wurde wohl unruhig, denn der BGS-Mann sagte zu mir: „Ganz ruhig, die beißen nicht.“
In zwei Meter Abstand blieben die DDR-Grenzer stehen, musterten mich, sagten aber nichts. Auf das „Grüß Gott“ aus dem Westen kam ein kurzes „Guten Tag“ von der anderen Seite.
„Ich habe heute mal jemand mitgebracht“, meinte der BGS-Mann.
Schweigen.
„Hier der Wetterballon, wie vereinbart“, jetzt folgte ein kurzes „Danke“ nach der Übernahme. Das war’s. Die beiden drehten sich um und marschierten zurück.
„Na dann eben nicht“, sagte der BGS-Beamte noch.
Bei unserem Zurücklaufen spürte ich Erleichterung, denn ich hatte ein mulmiges Gefühl. Die eiskalte Atmosphäre passte zum kalten Wetter an diesem Tag mitten in Deutschland am Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen.
Oder unsere Livesendung aus Breitensee, das im Grabfeld direkt am Grenzzaun liegt. Am 13. August 1986, am Jahrestag des Berliner Mauerbaus, kamen wir mit dem BR-Übertragungswagen auf den Dorfplatz. Die Dorfgemeinschaft hatte für die Liveübertragung unserer Mittagssendung Bierbänke aufgestellt, es gab Bratwürste, ein richtiges kleines Volksfest, obwohl der Tag eigentlich kein Festtag war. Vormittags liefen wir die 500 Meter vor das Dorf zur Grenze. Auf der anderen Seite tauchten sofort Grenzsoldaten auf, wir wurden fotografiert, und da wir in den Tagen vor der Sendung bereits im Radio Werbung für die Sendung gemacht hatten, war klar, dass auch „drüben“ alle Bescheid wussten.
Die DDR-Dörfer entlang der Grenze „hingen“ an den Radiogeräten, als wir um 12.05 Uhr auf Sendung gingen. Es gab Livegespräche rund um „das Leben am Zaun“. Erich Zeißner war damals Leiter der Grenzpolizeiinspektion Mellrichstadt. Von ihm wollten wir wissen, wie der direkte Draht zu den Grenzsoldaten der DDR ist. „Jede Ansprache nach drüben wird erst gar nicht beantwortet. Die fotografieren uns aus zwei Meter Entfernung oder schauen uns aus drei Meter Entfernung mit dem Fernglas an. Und obwohl wir es immer wieder versuchen, keinerlei Reaktion von drüben.“
Ein Bürger berichtete dann am Mikrofon, er sei mit einem Ehepaar aus der DDR, das zu Besuch in der Westseite aus umgedreht gewesen sei. Die beiden hätten sich immer wieder ängstlich umgesehen, als ob sie etwas suchten. Auf Nachfrage meinten sie: „Wo ist Eure Polizei? Sie konnten nicht verstehen, dass die Grenze weitgehend unbeobachtet und unbewacht war. Auch die Frage nach einer möglichen Wiedervereinigung kam.
Daran konnte niemand glauben.
(Aus dem Buch „Deckname Antenne)
