
Wenn ich heute auf die vergangenen vier Jahre zurückblicke, erfüllt mich vor allem eines: tiefe Dankbarkeit.
Es gibt Momente im Leben, von denen man spürt, dass sie etwas verändern. Als ich das Manuskript zu „Deckname Antenne“ schrieb, war ich überzeugt, ein Kapitel meines Lebens abzuschließen. Nach 42 Jahren als Journalist wollte ich meine Geschichte erzählen – nicht, um mich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern um festzuhalten, was eine Diktatur mit Menschen macht und wie kostbar Freiheit ist.
Ich dachte, das Buch würde erscheinen, ich würde einige Lesungen halten und dann würde langsam Ruhe einkehren.
Das Gegenteil ist passiert.
Aus einem Buch ist eine Reise geworden. Aus einer Reise ein Erinnerungsprojekt. Und aus meinem persönlichen Schicksal ist im Laufe der Zeit ein Stück gemeinsamer Erinnerung geworden.
Das bewegt mich bis heute.
Mehr als 11.000 Menschen haben inzwischen meine Lesungen besucht. Tausende Schülerinnen und Schüler haben zugehört, gefragt, diskutiert und nachgedacht. Ich habe in Schulen gesprochen, in Kirchen, Volkshochschulen, Rathäusern, Bibliotheken, Schlössern und Kulturhäusern. Überall bin ich Menschen begegnet, die mir ihre eigenen Geschichten anvertraut haben.
Manchmal frage ich mich, wer nach einer Lesung reicher nach Hause geht – das Publikum oder ich.
Denn jede Begegnung hinterlässt Spuren.
Ich habe Tränen gesehen. Ich habe gelacht. Ich habe Menschen erlebt, die nach Jahrzehnten zum ersten Mal über ihre DDR-Erfahrungen gesprochen haben. Ich habe junge Menschen getroffen, die plötzlich verstanden haben, warum Demokratie niemals selbstverständlich ist.
Genau dafür hat sich jeder Kilometer gelohnt.
Was mich besonders glücklich macht, ist etwas anderes.
Ich habe nie das Gefühl gehabt, allein unterwegs zu sein.
Viele Menschen haben dieses Projekt begleitet, unterstützt und mitgetragen. Einer dieser Menschen ist Sarah Beham.
Als ich das Buch schrieb, brachte sie einen Blick ein, den ich selbst nicht mehr haben konnte: den einer jungen Journalistin, die in Freiheit und einem vereinten Deutschland aufgewachsen ist. Sie las mein Manuskript mit großer Aufmerksamkeit, stellte Fragen, wo ich glaubte, alles sei selbstverständlich, und half mir, komplizierte Zusammenhänge so zu erklären, dass sie auch für ihre Generation nachvollziehbar wurden. Sie fragte nach, regte an und brachte Ideen ein. Oft entstanden aus unseren Gesprächen neue Gedanken, manchmal sogar neue Kapitel. Sie war für mich nicht einfach eine Gegenleserin, sondern eine journalistische Gesprächspartnerin auf Augenhöhe.
Noch wichtiger war vielleicht etwas anderes.
Sie hat von Anfang an an dieses Projekt geglaubt.
Immer wieder hat sie mich ermutigt, weiterzumachen, neue Wege zu gehen und die Lesungen zu einer multimedialen Reise weiterzuentwickeln. Ihre Überzeugung, dass gerade junge Menschen diese Geschichten hören müssen, hat mich immer wieder motiviert.
Dass heute so viele Schülerinnen und Schüler meine Lesungen besuchen, ist sicher nicht allein ihr Verdienst. Aber sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass ich den Blick konsequent auf die junge Generation gerichtet habe. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.
Überhaupt habe ich auf dieser Reise gelernt, dass gute Projekte niemals das Werk eines Einzelnen sind.
Mit jedem Vortrag wurde mir deutlicher, dass es längst nicht mehr um mich geht. Es geht nicht um meine Stasi-Akte. Nicht um meine journalistische Laufbahn. Nicht einmal um mein Buch.
Es geht um die Frage, welche Lehren wir aus unserer Geschichte ziehen.
Es geht um Freiheit.
Um Demokratie.
Um Zivilcourage.
Um Verantwortung.
Ich habe erlebt, wie aktuell diese Themen geworden sind. Als ich das Buch schrieb, konnte niemand ahnen, welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Europa in den folgenden Jahren erleben würde. Heute erscheinen viele Geschichten aus der Vergangenheit erschreckend gegenwärtig.
Deshalb empfinde ich jede Lesung inzwischen auch als Auftrag.
Nicht als politischen Auftrag.
Sondern als menschlichen.
Ich möchte Menschen Mut machen, sich einzumischen. Demokratie nicht als Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Freiheit zu schätzen. Zuhören zu lernen. Im Gespräch zu bleiben – auch dann, wenn Meinungen auseinandergehen.
Vielleicht ist genau das die größte Überraschung dieser Jahre.
Ich wollte Erinnerungen bewahren.
Stattdessen haben diese Erinnerungen begonnen, neue Gespräche auszulösen.
Wenn ich heute gefragt werde, worauf ich am meisten stolz bin, dann sind es weder die Zahl der Lesungen noch die Auflagen meines Buches.
Es ist das Vertrauen, das mir Menschen entgegenbringen.
Dass sie mir zuhören.
Dass sie ihre Geschichten mit mir teilen.
Dass sie nach Hause gehen und weiter über das sprechen, was sie erlebt haben.
Und dass ich Menschen wie Sarah Beham begegnen durfte, die mich auf diesem Weg nicht nur begleitet, sondern mit ihren Gedanken, ihrer journalistischen Kompetenz und ihrem Vertrauen bereichert haben. Für mich ist sie ein Glücksfall dieses Erinnerungsprojekts – nicht, weil sie im Mittelpunkt stehen wollte, sondern weil sie mit ihrer klugen, kritischen und zugleich menschlichen Art geholfen hat, dieses Projekt weiterzuentwickeln.
Mehr kann sich ein ehemaliger Journalist eigentlich nicht wünschen.
Ich weiß nicht, wie lange diese Reise noch weitergeht.
Aber ich weiß, dass sie mein Leben verändert hat.
Sie hat mir gezeigt, dass Erinnern keine rückwärtsgewandte Beschäftigung ist.
Erinnern ist Zukunftsarbeit.
Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieser vier Jahre: Manchmal schreibt man ein Buch – und am Ende schreibt dieses Buch ein Stück weit auch das eigene Leben weiter.
Dafür bin ich unendlich dankbar.


