
Journalisten erleben Geschichte meist aus einer besonderen Perspektive. Ihre Aufgabe besteht darin, zuzuhören, nachzufragen, einzuordnen und zu erklären. Sie beobachten Ereignisse, führen Interviews, schreiben Berichte oder sprechen ins Mikrofon. Am nächsten Tag beginnt bereits die nächste Geschichte.
Auch ich habe über Jahrzehnte so gearbeitet.
Als Reporter und später als Studioleiter des Bayerischen Rundfunks begleitete ich politische Entwicklungen in Mainfranken. Schon früh führten meine Recherchen immer wieder nach Thüringen zu DDR Zeiten. Ich berichtete über das Leben an der innerdeutschen Grenze, über Begegnungen zwischen Ost und West und schließlich über die Friedliche Revolution des Jahres 1989 und die deutsche Einheit.
Meine Reportagen waren Momentaufnahmen der Zeit.
Sie informierten.
Sie ordneten ein.
Dann wurden sie Teil des Archivs.
Mit Deckname Antenne geschah etwas grundsätzlich anderes.
Zum ersten Mal entstand ein journalistisches Werk, das mit seiner Veröffentlichung nicht abgeschlossen war. Es begann vielmehr ein zweites Leben.
Nicht im Rundfunkarchiv.
Sondern in den Begegnungen mit den Menschen.

Dieses Buch hat nach seinem Erscheinen erst richtig angefangen zu leben.
Aus dem Reporter wurde kein Historiker.
Auch kein Chronist im klassischen Sinn.
Ich wurde zu einem Vermittler zwischen den Generationen.
Zwischen Menschen, die die DDR erlebt haben, und denen, die sie nur noch aus Geschichtsbüchern kennen.
Zwischen Ost und West.
Zwischen persönlicher Erinnerung und historischer Einordnung.
Gerade darin unterscheidet sich die Lesereise von vielen Vortragsreihen.
Sie vermittelt keine fertigen Urteile.
Sie lädt zum Gespräch ein.

Ich wollte nie Richter über die Vergangenheit sein. Mich interessiert, wie Menschen unter den Bedingungen einer Diktatur gelebt haben.
Dieser Respekt vor den Lebensgeschichten anderer prägt jede Veranstaltung.
Er schafft Vertrauen.
Vielleicht erzählen deshalb so viele Besucher.
Sie erleben keinen Vortragenden, der Antworten verkündet.
So entstehen Begegnungen, die weit über historische Wissensvermittlung hinausgehen.
Sie machen Geschichte erfahrbar.
Und sie zeigen, dass Erinnerung nicht im Rückblick stehen bleiben darf.
Sie muss den Blick nach vorn richten.
Gerade deshalb spreche ich heute häufig nicht mehr nur über die Vergangenheit der DDR.
Ich spreche über die Grundlagen demokratischen Zusammenlebens.
Über Pressefreiheit.
Über Meinungsfreiheit.
Über den Wert unabhängiger Informationen.
Und über die Verantwortung jedes Einzelnen.
Erinnerung ist für mich kein Blick. Sie ist eine Voraussetzung dafür, die Gegenwart besser zu verstehen und die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten.
Vielleicht beschreibt kein anderer Satz die Entwicklung der vergangenen vier Jahre treffender.
Aus einem Journalisten, der Geschichte dokumentierte, wurde kein Historiker. Ich blieb Journalist.
Aber meine Arbeit bekam eine neue Aufgabe.
Sie hilft dabei, Erinnerung lebendig zu halten.
Und deshalb mache ich weiter. Und danke allen, die mich begleiten. Lesung Nr 160 war in Würzburgs Partnerstadt Suhl. Ich war im Friedrich König Gymnasium. Am 17. Juni. Und wir haben auch an den blutig niedergeschlagenen Volksaufstand am 17. Juni 1953 erinnern. Am 9. November 1989 fuhren die sowjetischen Panzer nicht gegen protestierende Menschen in Ostdeutschland auf. Die friedliche Revolution hatte Erfolg. „Ich habe Demut und Dankbarkeit“ sind meine letzten Worte im Vortrag. Und dann ist es lange still im Raum.

Gesendet mit der Telekom Mail App
