
Eigentlich hatte ich mir meinen Ruhestand ganz anders vorgestellt. Nach vielen Jahren als Journalist beim Bayerischen Rundfunk wollte ich mich noch einmal in Ruhe einem Thema widmen, das mich mein ganzes Berufsleben begleitet hatte: die deutsch-deutsche Grenze. Ich wollte meine Erinnerungen ordnen, Geschichten festhalten und ein Buch darüber schreiben, wie wir damals aus der Nähe der DDR berichteten – über den Alltag an der Grenze, über Begegnungen mit Menschen im anderen Teil Deutschlands, über die Spannungen des Kalten Krieges und schließlich über den Herbst 1989 und den friedlichen Fall der Mauer.
Es sollte ein Buch werden – mehr nicht.
Die Staatssicherheit hatte meine journalistische Arbeit über Jahre hinweg genau beobachtet. Reisen, Gespräche, Begegnungen, sogar einzelne Sendungen wurden registriert und bewertet. Aus Sicht der Stasi war ich offenbar jemand, den man im Auge behalten musste.
Aus diesen Erfahrungen entstand schließlich mein Buch „Deckname Antenne – Als Journalist im Visier der Stasi“. Darin erzähle ich meine persönliche Geschichte.
Als das Buch 2022 im Echter-Verlag erschienen war, begann ich, daraus öffentlich zu lesen. Bald merkte ich: Das Thema berührt die Menschen. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer stellen fest, wie nah diese Geschichte eigentlich ist – geografisch und zeitlich. Für jüngere Generationen wirkt die DDR oft wie eine ferne Welt. Doch wenn man von konkreten Erlebnissen erzählt, von Begegnungen und von der Arbeit eines Reporters an der Grenze, dann wird diese Zeit plötzlich sehr greifbar. Die multimediale Präsentation mit Lesung, Geschichten erzählen, Bildern, Originaltönen und Videos kam an.
So wurde aus meinem geplanten Ruhestandsprojekt eine Reise. „Eine Mission“, wie mir neulich ein Besucher sagte.
Seit fast vier Jahren bin ich nun unterwegs. Ich lese aus meinem Buch, erzähle von meinen Erfahrungen als Reporter, von der Arbeit der Stasi, von Begegnungen mit Menschen in der DDR und vom friedlichen Fall der Mauer. Immer wieder geht es dabei auch um die grundlegende Frage: Was bedeutet Freiheit? Und wie selbstverständlich ist Demokratie wirklich?
Inzwischen sind es 140 Lesungen geworden.
An diesem Mittwoch steht meine 140. Lesung an – im Pfarrheim von Zeil am Main. Organisiert wird sie vom Katholischen Frauenbund, der das Thema Freiheit bewusst in seine Ortsverbände tragen möchte. Ich freue mich sehr über dieses Engagement.
Die Veranstaltung in Zeil ist Teil einer kleinen Reihe: Weitere Lesungen führen mich nach Aschaffenburg, Bad Neustadt an der Saale und Ochsenfurt. So entsteht eine kleine Reise durch Unterfranken – mit vielen Gesprächen über Geschichte, Erinnerungen und über den Wert von Freiheit und Demokratie.
Was mich dabei besonders freut: Nach fast jeder Veranstaltung entstehen intensive Gespräche. Viele Besucher erzählen von eigenen Erinnerungen an die Zeit der deutschen Teilung. Andere – vor allem jüngere Menschen – hören diese Geschichten zum ersten Mal und beginnen zu fragen, wie ein solches System der Überwachung funktionieren konnte.
Termine der Lesereise, Geschichten aus meinen Begegnungen, eine Leseprobe, Videos sowie Radiosendungen rund um das Buch sind auf meiner Internetseite zu finden:
www.deckname-antenne.de
