
Es gibt Tage, die die Geschichte eines Landes verändern. Und es gibt Tage, die das Leben eines Menschen prägen, obwohl er ihre Bedeutung zunächst noch gar nicht erfassen kann. Der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus, gehört für mich zu diesen Tagen.
Ich war damals vier Jahre alt. Natürlich konnte ich die politischen Zusammenhänge noch nicht verstehen. Im Radio und im Fernsehen wurde von Berlin berichtet, von Stacheldraht, von Soldaten und einer Mauer, die mitten durch eine Stadt gebaut wurde. Erwachsene diskutierten darüber, Zeitungen waren voller Schlagzeilen. Mir war nur klar: Irgendetwas Außergewöhnliches war passiert.
Erst viele Jahre später begriff ich, dass an diesem Tag nicht nur Berlin geteilt wurde. Deutschland wurde auf Jahrzehnte zerrissen. Millionen Familien verloren den direkten Kontakt zueinander. Freunde konnten sich nicht mehr besuchen. Aus Nachbarn wurden plötzlich Menschen, die sich nur noch über Zäune und Wachtürme hinweg anschauen konnten. Dieser Tag wurde – ohne dass ich es damals ahnte – zum Beginn einer Geschichte, die mich mein ganzes Leben begleiten sollte.
Die Grenze wird Wirklichkeit
Wirklich bewusst wurde mir die deutsche Teilung erst, als ich mit elf Jahren das Kilianeum in Bad Königshofen besuchte. Die DDR-Grenze lag plötzlich nur noch wenige Kilometer entfernt. Für uns Internatsschüler gehörten Fahrten an die Zonengrenze zum Unterricht.
Erste Grenzbegegnung.
Wir standen vor dem Grenzzaun. Ein Beamter des Bundesgrenzschutzes erklärte uns den Aufbau der Sperranlagen. Er zeigte auf den weiß-blauen Grenzpfahl der Bundesrepublik und warnte uns eindringlich davor, die Grenzlinie auch nur um einen Schritt zu überschreiten.
Während wir zuhörten, erschienen auf der anderen Seite plötzlich DDR-Grenzsoldaten. Sie beobachteten uns mit Ferngläsern. Für einen Jungen war das ein merkwürdiges Gefühl. Da standen Deutsche, nur wenige Meter entfernt. Sie sprachen dieselbe Sprache wie wir. Und trotzdem trennten uns Zäune, Waffen und politische Systeme.
Ich verstand damals nicht, warum Menschen aufeinander aufpassen mussten, nur weil sie auf unterschiedlichen Seiten einer Grenze lebten.
Die Geschichten von Flucht und Tod
Die Grenze war für mich nicht nur sichtbar. Sie war auch ständig in Gesprächen präsent.
Direkt neben dem Internat lag das Krankenhaus von Bad Königshofen. Immer wieder hörten wir, dass nachts verletzte Flüchtlinge eingeliefert worden waren. Manche hatten versucht, die Grenze zu überwinden und waren auf Minen getreten. Es war von schweren Verletzungen, von amputierten Beinen und von Menschen die Rede, die ihr Leben riskiert hatten, nur um Freiheit zu gewinnen.
Auch Wildtiere lösten immer wieder Minen aus. Rehe oder Hasen gerieten in die Sperranlagen. Für uns Jugendliche war jede Explosion eine erschreckende Erinnerung daran, dass diese Grenze kein Symbol war. Sie war eine tödliche Wirklichkeit.
Schon damals fragte ich mich: Wie muss ein Mensch verzweifelt sein, wenn er bereit ist, trotz dieser Gefahr zu fliehen?
Die Rhön – eine zerschnittene Heimat
Auch in den Ferien begegnete mir die Grenze immer wieder.
Unsere Familie machte häufig Urlaub in der Rhön. Heute ist sie eine gemeinsame Landschaft Bayerns, Hessens und Thüringens. Damals verlief mitten hindurch die innerdeutsche Grenze.
Wir fuhren oft bis nach Hilders. Dort endete plötzlich die Straße. Eine Schranke versperrte den Weg. Dahinter begann die DDR.
Wie Kinder eben sind, fanden wir das spannend. Manchmal streckte ich ein Bein unter der Schranke hindurch und sagte lachend: „Jetzt war ich in der DDR.“
Meine Eltern reagierten jedes Mal ernst. Für sie war das kein Spiel. Sie wussten, welche Tragödien sich hinter dieser Grenze abspielten. Erst als Erwachsener verstand ich ihre Reaktion.
Der Kalte Krieg vor der Haustür
Während meiner Schulzeit lernte ich die politischen Hintergründe kennen.
Mir wurde bewusst, dass meine Heimat direkt an einer der gefährlichsten Grenzen Europas lag. Hier standen sich NATO und Warschauer Pakt gegenüber.
Später erfuhr ich sogar, dass Straßen in meiner Heimat für den Verteidigungsfall vorbereitet worden waren. Kanalschächte, die wir als Kinder für ganz normale Schächte gehalten hatten, waren in Wirklichkeit Sprengkammern. Im Kriegsfall hätten dort Sprengladungen gezündet werden sollen, um Panzer aufzuhalten.
Da wurde mir klar: Der Kalte Krieg spielte sich nicht irgendwo in Berlin oder Moskau ab. Er verlief direkt vor unserer Haustür.
Reporter an der Grenze
Als ich Journalist wurde, führte mich mein Beruf immer wieder an die innerdeutsche Grenze zurück.
Ich berichtete über amerikanische Manöver, über Grenzdörfer, über politische Entwicklungen und über das Leben der Menschen im Zonenrandgebiet.
Mit jeder Reportage verstand ich die Grenze besser.

Ich sprach mit Bauern, deren Felder plötzlich am Sperrzaun endeten. Mit Familien, die Verwandte auf der anderen Seite hatten. Mit Menschen, deren Alltag von Wachtürmen und Grenzpatrouillen bestimmt wurde.
Immer stärker wurde mir bewusst, dass die eigentliche Geschichte der Grenze nicht aus Beton und Stacheldraht bestand, sondern aus menschlichen Schicksalen.
Das Radio überwindet die Grenze
Eine besondere Rolle spielte unsere Sendung „Welle Mainfranken“.
Uns war bewusst, dass viele Menschen in Südthüringen heimlich zuhörten. Für sie war unser Programm ein Fenster in die Nachbarschaft.
Während Politiker von Systemen sprachen, berichteten wir über Volksfeste, Vereine, Kultur und das Leben in Franken.
Radio konnte keine Mauern einreißen.
Aber Radio konnte Menschen verbinden. Es informierte zum Beispiel wenn wieder Minen gelegt wurden. Wie hier auf dem Foto des Bundesgrenzschutz durch DDR Grenztruppen, die am Boden liegend verminten. Die Menschen in der nahen DDR konnten das nur durch uns erfahren. Jeden Tag hörten viele das mainfränkische Mittagsmagazin aus dem Westen.
Dieser Gedanke hat mich bis heute bewegt.

Ermershausen
Eine der ungewöhnlichsten Geschichten spielte sich in Ermershausen ab.
Aus Protest gegen die Eingemeindung wollten Bürger tatsächlich in Richtung DDR marschieren.
Die DDR reagierte überraschend.
Plötzlich öffneten sich die Grenztore. Marschmusik erklang aus Lautsprechern, als wolle man die Menschen willkommen heißen.
Erst der Bürgermeister konnte den Protestzug stoppen.
Für mich zeigte diese Geschichte, wie absurd der Kalte Krieg manchmal war. Selbst eine kommunalpolitische Auseinandersetzung bekam plötzlich eine internationale Dimension.
Live am Minenfeld

Ein Erlebnis werde ich nie vergessen.
1984 berichteten wir live vom Abbau der Minen und Selbstschussanlagen.
Kurz vor Beginn unserer Livesendung verschwanden plötzlich alle DDR-Räumfahrzeuge.
Stattdessen fuhren Traktoren auf die Felder.
Sie pflügten.
Als gäbe es dort überhaupt keine Minen.
Kaum war unsere Sendung beendet, verschwanden die Traktoren wieder. Die Räumpanzer kamen zurück und setzten ihre Arbeit fort.
Dieser Vorgang sagte mehr über das DDR-System aus als viele politische Reden.
Zwei Meter bis zum Eisernen Vorhang
Besonders eindrucksvoll war die Rückgabe eines Wetterballons am Grenzübergang Eußenhausen–Meiningen.
Gemeinsam mit Beamten des Bundesgrenzschutzes ging ich bis an die weiße Grenzlinie.
Von der anderen Seite kamen zwei DDR-Grenzsoldaten.
Bewaffnet.
Mit Kalaschnikows.
Nur zwei Meter trennten uns.
Ich sagte: „Grüß Gott.“
Die Antwort lautete knapp: „Guten Tag.“
Mehr Worte wurden nicht gewechselt.
Als wir zurückgingen, fiel eine große Anspannung von mir ab.
Ich hatte die Teilung Deutschlands in diesen wenigen Minuten intensiver gespürt als jemals zuvor.

Meine erste Reise in die DDR
1984 durfte ich schließlich selbst in die DDR reisen.
Die Einreise war ein Erlebnis für sich.
Das Auto wurde gründlich durchsucht.
Koffer mussten geöffnet werden.
Unter das Fahrzeug wurde mit Spiegeln geschaut.
Der Tank wurde kontrolliert.
Jeder Handgriff wurde beobachtet.
Ich spürte deutlich: Hier vertraute der Staat niemandem.
Und dann kam ich bei meinen Freunden an.
Dort begegneten mir Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Offenheit.
Dieser Gegensatz hat mich tief bewegt.
Nicht der Staat war die DDR.
Es waren die Menschen.
Und genau diese Menschen lernte ich schätzen.
Eine Grenze, die mein Leben verändert hat
Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich einen roten Faden durch mein ganzes Leben.
Aus dem Jungen, der staunend am Grenzzaun stand, wurde ein Journalist, der jahrzehntelang über die deutsche Teilung berichtete. Aus dem Reporter wurde später ein Zeitzeuge, der seine Erinnerungen weitergibt.
Die innerdeutsche Grenze hat mich geprägt wie kaum ein anderes Thema. Sie hat mich gelehrt, wie kostbar Freiheit ist. Sie hat mir gezeigt, wohin Diktatur, Misstrauen und politische Abschottung führen können. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass Menschlichkeit selbst Zäune, Mauern und Minen überdauern kann.
Deshalb erzähle ich diese Geschichten bis heute. Nicht, weil ich in der Vergangenheit leben möchte. Sondern weil ich überzeugt bin, dass jede Generation wissen sollte, was geschieht, wenn Freiheit verloren geht – und wie viel Mut es braucht, sie zurückzugewinnen.
Am 13. August 2026 bin ich um 18 Uhr Studiogast in der Abendschau des BR Fernsehen mit meinen Grenzgeschichten.
Zwei Generationen. Ein Ort. Eine gemeinsame Verantwortung.
65 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer stehe ich gemeinsam mit Sarah Beham (Jahrgang 1994) an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Unterfranken und Südthüringen. Ein Ort, der für mich weit mehr ist als ein historisches Denkmal. Hier kommen Erinnerungen zurück – an eine Zeit, in der Deutschland geteilt war, Menschen einander fremd gemacht wurden und Freiheit nicht selbstverständlich war.
Sarah gehört zu einer Generation, die das Glück hatte, in einem vereinten Deutschland aufzuwachsen. Sie kennt die Geschichte aus dem Schulunterricht, aus Dokumentationen, aus meinem Buch „Deckname Antenne“ und aus den vielen Gesprächen, die wir in den vergangenen Jahren geführt haben. Doch Geschichte zu kennen und Geschichte zu begreifen, sind zwei verschiedene Dinge.
Erst wenn man gemeinsam an den Resten des Grenzzauns steht, wenn man auf den ehemaligen Kolonnenweg blickt, wenn der Wachturm am Horizont sichtbar wird und die Weite dieses einstigen Todesstreifens vor Augen hat, beginnt man zu ahnen, was diese Grenze wirklich bedeutete.
Wie erklärt man einem Menschen, der in Freiheit geboren wurde, dass mitten durch Deutschland ein mehrere hundert Meter breiter Sperrgürtel verlief? Dass Familien über Jahrzehnte voneinander getrennt waren? Dass Kinder ihre Großeltern nicht besuchen durften? Dass Menschen alles riskierten – ihre Freiheit, ihre Gesundheit und oft ihr Leben –, nur um auf die andere Seite zu gelangen?
Wie beschreibt man die Angst, die Hoffnung, die Verzweiflung und den Mut derjenigen, die fliehen wollten? Wie macht man verständlich, dass Grenzsoldaten den Befehl hatten, auf Flüchtende zu schießen? Dass Minen und Selbstschussanlagen Menschen daran hindern sollten, Freiheit zu erreichen?
Man kann darüber lesen. Man kann Filme anschauen. Man kann Zeitzeugen zuhören. Aber erst an diesem Ort wird Geschichte greifbar. Hier wird aus Zahlen und Daten plötzlich eine menschliche Erfahrung.
Für mich ist jeder Besuch an der ehemaligen Grenze deshalb auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Als Journalist habe ich die deutsch-deutsche Teilung über viele Jahre begleitet. Ich habe über Fluchten berichtet, über die Friedliche Revolution, über den Fall der Mauer und später erfahren, dass die Staatssicherheit der DDR mich selbst jahrelang beobachtet und unter dem Decknamen „Antenne“ geführt hatte.
Sarah erlebt diesen Ort mit den Augen einer nachgewachsenen Generation. Ihre Fragen zeigen mir immer wieder, wie wichtig es ist, Geschichte weiterzuerzählen. Nicht, weil junge Menschen sich für die Vergangenheit interessieren müssen, sondern weil sie daraus verstehen können, warum Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit niemals selbstverständlich sind.
Genau darin liegt für mich der Sinn solcher gemeinsamen Besuche. Sie schlagen eine Brücke zwischen den Generationen. Sie verbinden persönliche Erinnerungen mit historischem Wissen. Und sie machen deutlich, dass Freiheit kein Geschenk ist, sondern etwas, das jede Generation neu schützen und verteidigen muss.
Wenn ich Sarah an diesen Orten sehe, erfüllt mich das mit Hoffnung. Denn Geschichte lebt nur weiter, wenn Menschen bereit sind, zuzuhören, nachzufragen und das Erzählte weiterzutragen. Vielleicht wird sie eines Tages selbst anderen erzählen, was sie hier gesehen und empfunden hat. Dann setzt sich die Kette des Erinnerns fort.

Die Bilder dieser Collage zeigen deshalb weit mehr als einen gemeinsamen Ausflug. Sie erzählen von einem Dialog zwischen zwei Generationen. Zwischen einem Zeitzeugen, der die Teilung Deutschlands erlebt hat, und einer Journalistin, die Verantwortung dafür übernimmt, dass die Erinnerung daran nicht verloren geht.
Erinnern bedeutet nicht, in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Erinnern bedeutet, aus der Vergangenheit Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Gerade in einer Zeit, in der Freiheit, Demokratie und Frieden in Europa wieder bedroht sind, ist das wichtiger denn je.
