W a r u m ?

1989 haben sie die Freiheit erkämpft – warum setzen wir sie heute aufs Spiel?

Bei meinen Lesungen wird mir in letzter Zeit immer häufiger eine Frage gestellt, auf die ich keine einfache Antwort habe und die mich gerade deshalb zunehmend beschäftigt: Warum wenden sich ausgerechnet in Ostdeutschland so viele Menschen einer Partei zu, in der rechtsextreme, nationalistische und demokratiefeindliche Kräfte eine erhebliche Rolle spielen? Warum geschieht das in einem Teil Deutschlands, in dem Hunderttausende Menschen vor knapp vier Jahrzehnten auf die Straße gegangen sind, weil sie genug hatten von Bevormundung, staatlicher Kontrolle und einer Partei, die für sich beanspruchte, allein zu wissen, was für das Volk richtig ist? Wie kann es sein, dass Menschen, die damals selbst für Freiheit und Demokratie gekämpft haben oder deren Eltern dies getan haben, heute bereit sind, politischen Kräften ihre Stimme zu geben, die wesentliche Grundlagen unserer freiheitlichen Demokratie infrage stellen?

Dieser Widerspruch lässt mich nicht los, vielleicht auch deshalb, weil die DDR und ihr Ende für mich keine Geschichte aus dem Schulbuch sind. Ich habe dieses Land als westdeutscher Journalist über viele Jahre erlebt, bin immer wieder über die Grenze gefahren, habe die bedrückende Atmosphäre gespürt und wusste gleichzeitig, dass ich nach einigen Tagen wieder zurückfahren konnte. Ich habe an der innerdeutschen Grenze gestanden, die Wachtürme gesehen, die Zäune und Minenfelder, und ich wusste von Menschen, die ihr Leben riskierten, nur weil sie von Deutschland nach Deutschland wollten. Später habe ich erfahren, dass auch ich von der Staatssicherheit beobachtet worden war, und irgendwann lagen rund 400 Seiten meiner Stasi-Akte vor mir, auf denen dokumentiert war, wie ein Staat versucht hatte, einen Journalisten einzuschätzen, zu kontrollieren und Informationen über ihn zu sammeln.

Gerade deshalb habe ich den Herbst 1989 als etwas ungeheuer Großes empfunden. Menschen, die jahrzehntelang gelernt hatten, besser vorsichtig zu sein, verloren plötzlich ihre Angst oder überwanden sie zumindest für einige Stunden. Sie gingen auf die Straße, obwohl niemand wissen konnte, wie die Staatsmacht reagieren würde, und verlangten keine neue Obrigkeit und keinen stärkeren Staat, sondern genau das Gegenteil: Freiheit, freie Wahlen, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und das Recht, selbst über ihr Leben zu bestimmen.

Wenn ich heute höre, wie leichtfertig manchmal über unsere Demokratie gesprochen wird, frage ich mich deshalb: Haben wir vergessen, was damals erkämpft wurde?

Aber mit dieser Frage allein darf ich es mir nicht zu einfach machen, denn natürlich sind die Menschen im Osten nicht plötzlich und kollektiv zu Feinden der Demokratie geworden. Es gibt „die Ostdeutschen“ genauso wenig wie „die Westdeutschen“, und Millionen Menschen in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern engagieren sich jeden Tag für unsere Gesellschaft, in Vereinen und Kirchen, in Kommunalparlamenten und Feuerwehren, in Schulen, Bürgerinitiativen und demokratischen Parteien. Gerade diese Menschen haben es nicht verdient, dass wir vom „rechten Osten“ sprechen und damit eine ganze Region abstempeln.

Trotzdem dürfen wir auch nicht wegsehen. Wenn eine Partei in Teilen Ostdeutschlands Ergebnisse von weit über 30 Prozent erreicht, dann genügt irgendwann die beruhigende Erklärung nicht mehr, das seien eben Protestwähler, die der Politik einen Denkzettel verpassen wollten. Eine Proteststimme ist schließlich keine unverbindliche Meinungsäußerung, sondern eine Stimme, die politische Macht verleiht, und deshalb müssen wir uns fragen, woher diese enorme Entfremdung kommt.

Ich glaube, dass wir dafür noch einmal in die Jahre 1989 und 1990 zurückgehen müssen. Damals waren die Erwartungen riesig, und natürlich ging es den Menschen nicht nur darum, endlich nach Mallorca fahren zu können oder Westprodukte zu kaufen. Sie wollten Freiheit und Wohlstand, Sicherheit und Anerkennung, eine gute Zukunft für ihre Kinder und endlich die Möglichkeiten, die sie jahrzehntelang auf der anderen Seite der Grenze gesehen hatten. Viele glaubten vermutlich, dass nach dem Ende der Diktatur nun relativ schnell ein besseres Leben beginnen würde.

Dann kam die deutsche Einheit, und mit ihr begann für Millionen Menschen eine Veränderung von einer Dimension, die wir Westdeutschen nach meiner Überzeugung lange unterschätzt haben. Für mich änderte sich 1990 vergleichsweise wenig. Mein Arbeitgeber blieb mein Arbeitgeber, mein Beruf blieb mein Beruf, meine Ausbildung und meine berufliche Erfahrung wurden nicht infrage gestellt, das politische und wirtschaftliche System, in dem ich lebte, bestand weiter. Natürlich war die Wiedervereinigung auch für mich ein historisches Ereignis, aber mein persönliches Leben wurde dadurch nicht auf den Kopf gestellt.

Für die Menschen im Osten war das völlig anders, denn innerhalb weniger Jahre veränderte sich nahezu alles gleichzeitig. Der Staat, in dem sie geboren und aufgewachsen waren, verschwand, die Währung verschwand, Behörden und Institutionen wurden aufgelöst oder völlig neu organisiert, Betriebe wurden verkauft oder geschlossen und Millionen Menschen mussten sich beruflich neu orientieren. Wer gestern noch Meister, Ingenieurin, Facharbeiter, Wissenschaftlerin oder Betriebsleiter gewesen war, konnte plötzlich erleben, dass andere darüber entschieden, ob seine Qualifikation und seine Erfahrung im neuen System überhaupt noch gebraucht wurden.

Natürlich darf man dabei die DDR-Wirtschaft nicht romantisieren. Viele Betriebe waren nicht konkurrenzfähig, Maschinen und Produktionsverfahren waren veraltet und die ökologischen Schäden teilweise erschreckend. Eine grundlegende Veränderung war unvermeidbar. Aber wirtschaftliche Notwendigkeit und menschliche Erfahrung sind zwei verschiedene Dinge, denn ein Betrieb, der in einer volkswirtschaftlichen Bilanz nur rote Zahlen produziert, kann für einen Menschen trotzdem ein wichtiger Teil seines Lebens sein. Dort hat er gelernt, dort hat er gearbeitet, dort kannte er seine Kollegen, dort hatte er Anerkennung und wusste, wer er war. Wenn all das innerhalb weniger Monate verschwindet, verschwindet eben manchmal nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern auch ein Stück Identität.

Vielleicht haben wir Westdeutschen diese Verletzung zu wenig verstanden. Wir haben mit Recht darauf hingewiesen, was nach 1990 alles entstanden ist: sanierte Städte, neue Straßen, moderne Infrastruktur, restaurierte Häuser, neue Unternehmen und insgesamt ein materieller Wohlstand, von dem die Menschen in der DDR nur träumen konnten. Aber Menschen leben nicht nur von sanierten Fassaden und neuen Autobahnen, sondern sie wollen auch erleben, dass ihre Lebensleistung respektiert wird.

Vielleicht hätten wir damals weniger erklären und mehr fragen sollen. Vielleicht hätten wir häufiger sagen sollen: Erzählt uns, was ihr könnt, was ihr erlebt habt, was ihr in dieses gemeinsame Deutschland mitbringt und was wir möglicherweise sogar von euch lernen können. Stattdessen entstand bei manchen der Eindruck, dass nun die Westdeutschen kommen und ihnen erklären, wie Wirtschaft funktioniert, wie Verwaltung funktioniert, wie Demokratie funktioniert und vielleicht sogar, wie das richtige Leben funktioniert.

Ob dieses Gefühl in jedem einzelnen Fall berechtigt war, ist für mich gar nicht entscheidend, denn Gefühle werden politisch wirksam, auch wenn man sie nicht vollständig mit Statistiken belegen kann. Man kann Straßen asphaltieren und Häuser sanieren, aber man kann verletzte Biografien nicht einfach mitsanieren.

Dazu kam die enorme Abwanderung. Gerade viele junge und gut ausgebildete Menschen verließen ihre Heimat, weil sie anderswo bessere berufliche Chancen sahen, und damit verloren manche Regionen nicht nur Einwohner, sondern einen Teil ihrer Zukunft. Eltern blieben zurück, Familien wurden auseinandergerissen, Geschäfte schlossen, Schulen verschwanden und manche Dörfer erlebten über Jahre hinweg vor allem eines: dass die Jungen gingen und die Zukunft offenbar immer irgendwo anders stattfand.

Wenn man solchen Menschen dann sagt, die deutsche Einheit sei doch eine großartige Erfolgsgeschichte, kann beides gleichzeitig wahr sein: Die deutsche Einheit kann historisch und insgesamt eine großartige Erfolgsgeschichte sein, und trotzdem kann ein einzelner Mensch sie in seiner eigenen Biografie als Verlust erlebt haben. Vielleicht hätten wir diesen Widerspruch früher ernst nehmen müssen.

Genau in solche Verletzungen stoßen heute Populisten hinein, denn sie bieten etwas an, was eine demokratische Gesellschaft kaum bieten kann: einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Demokratie bedeutet Interessenausgleich, Kompromisse, Koalitionen, Parlamente, Gerichte, Föderalismus und manchmal jahrelange Diskussionen, und am Ende entsteht häufig eine Lösung, mit der niemand vollkommen zufrieden ist. Das ist mühsam, manchmal frustrierend und gelegentlich tatsächlich schwer auszuhalten.

Populisten machen es einfacher, indem sie den Menschen sagen, dass sie genau wissen, wer schuld ist. Mal ist es die Regierung, mal sind es die etablierten Parteien, die Medien, die Europäische Union, Migranten, Eliten oder „der Westen“, und irgendwann wird aus nahezu jedem gesellschaftlichen Problem die Geschichte von „uns hier unten“ gegen „die da oben“.

Das kann für Menschen verführerisch sein, die das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren zu haben. Wenn mir jemand sagt, dass meine Probleme komplizierte wirtschaftliche, demografische und gesellschaftliche Ursachen haben, ist das wenig befriedigend. Wenn mir dagegen jemand sagt: „Ich weiß, wer dir das angetan hat“, bekomme ich einen Schuldigen geliefert, und aus Enttäuschung kann Wut und aus Wut schließlich Hass werden.

Genau dort endet für mich das Verständnis.
Ich möchte verstehen, warum jemand enttäuscht ist, aber Enttäuschung rechtfertigt keinen Rassismus. Ich möchte verstehen, warum jemand Politikern misstraut, aber Misstrauen rechtfertigt nicht die Verachtung demokratischer Institutionen. Ich möchte verstehen, warum jemand Angst vor sozialem Abstieg oder vor gesellschaftlichen Veränderungen hat, aber Angst gibt niemandem das Recht, andere Menschen wegen ihrer Herkunft, Religion oder Lebensweise abzuwerten.
Verstehen bedeutet nicht entschuldigen.
Trotzdem halte ich es für einen Fehler, jeden Menschen, der eine radikale Partei wählt, einfach abzuschreiben. Wenn wir ihn nur noch als Nazi, Idioten oder Demokratiefeind beschimpfen, treiben wir ihn möglicherweise genau denjenigen in die Arme, die ihm seit Jahren erzählen, dass „die Eliten“ ihn verachten und niemand mehr hören wolle, was er denkt. Natürlich gibt es überzeugte Rechtsextremisten, bei denen eine demokratische Diskussion kaum noch möglich ist, und ihnen gegenüber braucht eine wehrhafte Demokratie klare Grenzen. Aber daneben gibt es Menschen, die enttäuscht, wütend oder politisch heimatlos geworden sind, und um diese Menschen sollten wir kämpfen.

Bei meinen Lesungen denke ich manchmal darüber nach, dass wahrscheinlich überwiegend Menschen vor mir sitzen, denen ich den Wert der Demokratie gar nicht erklären muss. Sie interessieren sich für die Geschichte der DDR, sie wollen etwas über die Grenze, die Staatssicherheit und die Friedliche Revolution erfahren, und viele teilen meine Überzeugung, dass Freiheit und Demokratie geschützt werden müssen. Diejenigen aber, um die wir uns Sorgen machen, sitzen häufig nicht im Saal.

Vielleicht liegt darin ein Teil unseres Problems: Wir Demokraten reden sehr viel miteinander über diejenigen, die sich von der Demokratie entfernt haben, aber möglicherweise zu wenig mit ihnen.

Ich möchte deshalb mit einem Menschen reden können, dessen Wahlentscheidung ich für falsch und vielleicht sogar gefährlich halte. Ich möchte ihn fragen, was ihn so wütend gemacht hat, wann er aufgehört hat, unserem Staat zu vertrauen, wann bei ihm das Gefühl entstanden ist, nicht mehr gehört zu werden, und was passieren müsste, damit dieses Vertrauen zurückkehrt. Ich möchte ihm zuhören, auch wenn mir manche seiner Antworten überhaupt nicht gefallen.

Aber danach möchte ich ebenfalls Fragen stellen dürfen. Ich möchte wissen, was er sich eigentlich als Alternative vorstellt, wenn er von der Demokratie enttäuscht ist. Möchte er einen Staat, in dem eine Regierung bestimmen kann, welche Journalisten ihr genehm sind? Möchte er Gerichte, die sich politischem Druck beugen? Möchte er eine Gesellschaft, in der entschieden wird, welche Menschen wirklich dazugehören und welche nicht? Möchte er einen Staat, in dem politische Gegner nicht mehr als Konkurrenten betrachtet werden, sondern als Feinde?

An diesem Punkt kann ich meine Stasi-Akte auf den Tisch legen und sagen: Schaut hinein. So sieht ein Staat aus, der glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein.

Ich brauche dafür keine theoretische Abhandlung über Diktaturen, denn ich habe erlebt, wie ein solcher Staat funktioniert. Ich habe gesehen, wie eine Grenze Menschen einsperrte, und ich habe später gelesen, wie eine Staatssicherheit Informationen über mich sammelte. Deshalb werde ich hellhörig, wenn Journalisten heute pauschal zu „Lügenmedien“ erklärt werden, wenn demokratisch gewählte Politiker nicht mehr politische Gegner, sondern „Volksverräter“ sein sollen und wenn jemand verspricht, nach einer Machtübernahme werde endlich „aufgeräumt“.

Natürlich ist Deutschland heute keine DDR, und historische Vergleiche dürfen nicht billig sein. Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber Geschichte kann uns zeigen, wie Demokratien beschädigt werden, denn Freiheit verschwindet meistens nicht an einem einzigen Tag. Zunächst verändert sich die Sprache, dann werden Minderheiten zu Sündenböcken gemacht, Medien werden pauschal verächtlich gemacht, Gerichte und Parlamente als Hindernisse dargestellt und politische Gegner nicht mehr als legitimer Teil der Demokratie akzeptiert. Irgendwann erscheint etwas normal, von dem man wenige Jahre zuvor noch gesagt hätte, dass so etwas bei uns niemals möglich sei.

Deshalb möchte ich niemandem sagen, was er wählen soll. Aber ich möchte sagen: Schaut genau hin, wem ihr eure Stimme gebt, denn eine Proteststimme ist nicht folgenlos. Sie gibt politische Macht, und politische Macht hat Konsequenzen.

Vielleicht müssen wir uns auch wieder stärker bewusst machen, was Demokratie eigentlich bedeutet. Demokratie garantiert uns nicht, dass immer gute Politik gemacht wird. Regierungen machen Fehler, Parteien enttäuschen ihre Wähler, Parlamente treffen Entscheidungen, die ich für falsch halten kann, und auch Journalisten irren sich. Aber eine Demokratie garantiert mir etwas Entscheidendes: Ich darf widersprechen. Ich darf demonstrieren. Ich darf schreiben und veröffentlichen. Ich darf eine Bürgerinitiative gründen. Ich darf eine Regierung kritisieren und bei der nächsten Wahl versuchen, sie abzuwählen.

Genau das ist der Unterschied.

Und vielleicht haben wir diesen Unterschied aus dem Blick verloren, weil Freiheit für uns so selbstverständlich geworden ist.

Die Menschen, die im Herbst 1989 in Leipzig, Dresden, Plauen, Berlin und vielen anderen Städten auf die Straße gingen, wussten nicht, dass wenige Wochen später die Mauer fallen würde. Sie konnten nicht wissen, wie die Staatsmacht reagieren würde. Sie wussten nur, dass sie nicht mehr so weiterleben wollten, und deshalb überwanden sie ihre Angst.

Wenn ich daran denke und gleichzeitig sehe, wie leichtfertig heute manchmal über Demokratie gesprochen wird, frage ich mich, ob darin nicht unsere eigentliche Gefahr liegt. Vielleicht besteht sie gar nicht darin, dass plötzlich Millionen Menschen eine Diktatur wollen. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, dass immer mehr Menschen glauben, ein bisschen weniger Demokratie könne doch nicht so schlimm sein, ein bisschen weniger unabhängige Presse, ein bisschen weniger Respekt vor Gerichten, ein bisschen weniger Schutz für Minderheiten und dafür ein bisschen mehr „starke Hand“.
Genau da möchte ich widersprechen.
Denn Freiheit verliert man leichter, als man sie zurückbekommt.
Deshalb endet meine Geschichte über die DDR für mich inzwischen auch nicht mehr am 9. November 1989 und nicht am 3. Oktober 1990. Sie reicht bis in unsere Gegenwart hinein. Ich möchte über die Fehler und Verletzungen nach der Wiedervereinigung reden, ich möchte die Enttäuschungen vieler Menschen im Osten ernst nehmen und ich möchte auch darüber sprechen, was wir Westdeutschen möglicherweise falsch gemacht haben. Eine Demokratie muss selbstkritisch sein können, sonst ist sie schwach.

Aber aus der Enttäuschung über Demokratie darf keine Abkehr von der Demokratie werden.

Wir brauchen nicht weniger Demokratie, sondern eine bessere Demokratie, die zuhört, Probleme nicht schönredet, Fehler zugibt, Menschen ernst nimmt und gleichzeitig selbstbewusst ihre Grenzen verteidigt. Und wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die nicht darauf warten, dass „der Staat“ die Demokratie für sie rettet, sondern begreifen, dass Demokratie überhaupt nur funktioniert, wenn wir selbst Verantwortung für sie übernehmen.

Vielleicht ist genau das die Botschaft, die ich heute aus meinen Erlebnissen mitnehme und die ich jungen Menschen ebenso wie meiner eigenen Generation erzählen möchte.
1989 mussten Menschen auf die Straße gehen, um sich ihre Freiheit zu erkämpfen. Sie mussten Angst überwinden und wussten nicht, welchen Preis sie dafür bezahlen würden.
Wir müssen heute keine Mauer einreißen, keinen Grenzzaun überwinden und keine Staatssicherheit fürchten.
Von uns wird viel weniger verlangt.
Und vielleicht gerade deshalb etwas sehr Wichtiges:
Nicht gleichgültig zu werden.
Denn die Freiheit, für die andere damals so viel riskiert haben, verteidigt sich nicht von selbst.
Und deshalb bleibt für mich am Ende eine Frage, die ich inzwischen gerne in den Raum stellen möchte:
Wenn Menschen 1989 so viel riskiert haben, um endlich frei zu sein – wie viel ist uns diese Freiheit heute noch wert?