
Wenn ich vor einer Schulklasse stehe, ganz gleich ob in Suhl oder Oberhof auf dem Gebiet der früheren DDR, in Mellrichstadt, Bad Königshofen oder Ebern unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze oder Kilometer entfernt in Oberding, Kaufbeuren oder im nahen Tauberbischofsheim, dann sehe ich zunächst junge Menschen, die Deutschland nur als ein freies, demokratisches und vereintes Land kennen und für die Schlagbäume, Stacheldraht, Wachtürme, Minenfelder und der Schießbefehl so weit entfernt erscheinen wie Geschichten aus einer anderen Welt, obwohl all das noch keine vierzig Jahre zurückliegt und ihre Eltern oder Großeltern diese Zeit selbst erlebt haben.
Ich beginne deshalb meine Lesungen nie mit Jahreszahlen und politischen Erklärungen, sondern mit Menschen, mit ihren Hoffnungen, ihrer Angst, ihrem Mut und ihren Schicksalen, weil ich überzeugt bin, dass Geschichte erst dann begreifbar wird, wenn sie Gesichter bekommt und wenn aus einem historischen Ereignis plötzlich das Leben eines einzelnen Menschen wird, der genau an dieser Grenze stand, seine Familie vermisste oder alles riskierte, um in Freiheit leben zu können.

Schon nach wenigen Minuten verändert sich die Stimmung im Raum auf eine Weise, die mich auch nach weit über einhundert Lesungen immer wieder tief berührt, weil aus der anfänglichen Neugier eine konzentrierte Aufmerksamkeit wird und schließlich jene besondere Stille entsteht, die man weder planen noch erzwingen kann und die nur dann entsteht, wenn junge Menschen spüren, dass sie gerade etwas erfahren, das sie in dieser Form noch nie gehört haben.
Oft sehe ich erstaunte Gesichter, wenn auf der Leinwand die Bilder der Grenzanlagen erscheinen, wenn Wachtürme, Kolonnenwege, Minenfelder und die Akten der Staatssicherheit zu sehen sind und ich erzähle, dass auch ich viele Jahre später meinen eigenen Namen in den Unterlagen der Stasi gefunden habe und dort unter dem Decknamen „Antenne“ geführt wurde. In diesem Moment wird Geschichte plötzlich persönlich, und genau das verändert den Blick vieler Schülerinnen und Schüler.
Immer wieder melden sich Jugendliche und sagen Sätze, die ich nicht vergesse.
„Herr Schellenberger, ich wusste überhaupt nicht, dass das alles in Deutschland passiert ist.“
Oder:
„Meine Großeltern haben manchmal von der DDR erzählt, aber ich konnte mir das nie vorstellen. Jetzt sehe ich die Bilder vor mir.“.“
Für mich sind genau das die Augenblicke, in denen ich merke, dass diese neunzig Minuten mehr sind als ein Vortrag über Geschichte, weil plötzlich ein Gespräch zwischen den Generationen beginnt, das vielleicht viele Jahre gefehlt hat.

Besonders still wird es immer dann, wenn ich die Schülerinnen und Schüler bitte, sich vorzustellen, dass wir nicht über eine vergangene Geschichte sprechen, sondern über einen Morgen, an dem der Kalte Krieg tatsächlich zu einem Krieg geworden wäre. Ich bitte sie, sich die Rhön nicht als Wandergebiet oder Biosphärenreservat vorzustellen, sondern als die Frontlinie Europas, an der sich zwei Militärbündnisse gegenüberstanden, die sich über Jahrzehnte bis an die Zähne bewaffnet hatten und jederzeit auf den schlimmsten aller Fälle vorbereitet waren.
Dann erzähle ich ihnen von einem kalten Wintermorgen, an dem Sirenen heulen, in den Kasernen von Mellrichstadt, Wildflecken und Ebern Alarm ausgelöst wird und innerhalb weniger Minuten Soldaten ihre Fahrzeuge besetzen, Befehle entgegengenommen werden und militärische Kolonnen die Kasernentore verlassen, während gleichzeitig auf der anderen Seite der Grenze ebenfalls Motoren anspringen und Verbände in Marsch gesetzt werden, sodass aus einer friedlichen Landschaft innerhalb kürzester Zeit eine Front geworden wäre, an der sich über das Schicksal Deutschlands und vielleicht sogar Europas entschieden hätte.
Ich erkläre den Jugendlichen dabei immer ausdrücklich, dass dies ein Gedankenexperiment ist, das glücklicherweise niemals Wirklichkeit geworden ist, dessen bloße Möglichkeit aber zeigt, wie nah unsere Heimat jahrzehntelang am Abgrund stand und wie zerbrechlich der Frieden tatsächlich gewesen ist.
In diesem Moment herrscht fast immer völlige Stille.
Dann hebt jemand langsam die Hand und fragt mit einer Mischung aus Erstaunen und Beklemmung:
„Heißt das, der Dritte Weltkrieg hätte direkt bei uns beginnen können?“
Ein anderer schaut lange auf die Landkarte und sagt:
„Ich fahre dort jedes Wochenende vorbei. Ich habe nie gewusst, dass das einmal die gefährlichste Grenze Europas war.“
Und manchmal sagt eine Schülerin einen Satz, der mich noch lange begleitet:
„Jetzt verstehe ich zum ersten Mal, warum meine Oma bis heute nicht gern über diese Zeit spricht.“
Solche Sätze zeigen mir, dass junge Menschen keineswegs geschichtsvergessen sind, sondern dass sie Geschichte verstehen wollen, wenn sie ehrlich erzählt wird und wenn sie merken, dass sie etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Sie wollen wissen, warum Menschen bereit waren, für Freiheit ihr Leben zu riskieren, warum Europa jahrzehntelang in Angst vor einem Krieg lebte und warum es am Ende nicht Panzer und Raketen waren, die Deutschland wieder vereinten, sondern mutige Bürgerinnen und Bürger, die mit Kerzen, Friedensgebeten und dem Ruf „Keine Gewalt“ Geschichte geschrieben haben.
Wenn nach neunzig Minuten der Applaus einsetzt und viele Schülerinnen und Schüler anschließend noch bleiben, um Fragen zu stellen oder einfach nur Danke zu sagen, dann nehme ich jedes Mal das Gefühl mit nach Hause, dass diese Lesungen weit mehr sind als Erinnerungsarbeit. Sie sind für mich eine Brücke zwischen den Generationen, weil junge Menschen erkennen, dass Freiheit, Demokratie und Frieden keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern ein kostbares Geschenk, das jeden Tag neu geschützt werden muss.
Und genau deshalb gehe ich auch nach so vielen Lesungen immer wieder mit derselben Freude in Schulen. Denn solange junge Menschen aufmerksam zuhören, Fragen stellen und begreifen wollen, warum unsere Geschichte bis heute unsere Gegenwart prägt, weiß ich, dass diese neunzig Minuten sinnvoll investierte Zeit sind – vielleicht die wichtigsten neunzig Minuten, die ich ihnen mit auf ihren Lebensweg geben kann.
Besonders berührt hat mich nach einer Lesung an der Realschule Oberding die Zusammenfassung der Geschichtslehrerin Natalie Beham-Mößmer. Sie hat in wenigen Sätzen genau das formuliert, was ich mit meinen multimedialen Lesungen erreichen möchte. Ich habe ihr damals spontan geantwortet: „ Das gibt meine Absicht exakt wieder.“
Sie schrieb:
„Doch der Journalist beließ es nicht dabei, Ereignisse aus vergangenen Tagen anschaulich und unterhaltsam zu präsentieren. Geschichte sei dazu da, auch aus ihr zu lernen. Und so appellierte er am Ende eindringlich an die nächste Generation, den Frieden, den die Großväter und Väter geschaffen haben, zu erhalten. In einer Zeit, in der die Zahl der Diktaturen wachse, sich immer mehr Menschen radikalisierten und die Demokratie ins Straucheln zu geraten scheine, sei es unerlässlich, für die demokratischen Grundrechte einzustehen. So wurde aus der Autorenlesung nicht nur eine besondere Geschichtsstunde, sondern auch ein flammender Appell für Demokratie und Frieden in Europa, der die aufmerksamen Schüler zu erreichen schien.“
Als ich diese Zeilen gelesen habe, wusste ich, dass sie den Kern meiner Arbeit besser kaum hätte beschreiben können. Es geht mir nicht darum, junge Menschen mit dramatischen Geschichten zu beeindrucken. Es geht mir darum, ihnen zu zeigen, wie kostbar Frieden, Freiheit und Demokratie sind und dass jede Generation neu Verantwortung dafür übernehmen muss. Wenn Schülerinnen und Schüler nach meinen 90 Minuten ihre Großeltern fragen, wenn sie über Freiheit diskutieren oder wenn sie den Wert unserer Demokratie bewusster wahrnehmen, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Genau das ist meine Mission mit „Deckname Antenne“ – Erinnern, um die Zukunft zu schützen.

